Sonntag, 23. Januar 2011

Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Wein und Essen gehören zusammen. Und zu gutem Essen gehört auch guter Wein, dieser sollte auch aber mit guten Weinbeschreibungen einhergehen, zumindestens wenn man einen Blog betreibt. Kochen, Essen, bloggen Weintrinken und Weinbeschreibungen, das ist eindeutig zu viel. Auf die Weinebeschreibungen wollte ich dennoch ungerne verzichten.

Deshalb gibt es ab heute unter dem Titel "Weh-Weh-Weh, Willis Wein Werkstatt"  Weinbeschreibungen. Dafür konnte ich den renommierten Tester  aus dem Kölner Weinforum, Willi Igel, gewinnen. Willi Igel wird in loser Folge über Weinerlebnisse aus seiner Werkstatt schreiben. Heute nun sein Premierenbeitrag zu Weinen von Aldo Conterno.








Willi bei der Arbeit.



Heute auf der Hebebühne: Aldo Conterno Il Favot 1997, 1998 und 1999

Am Anfang eines neuen Jahres ist es bekanntermaßen üblich, gute Vorsätze aufzustellen und – vielleicht etwas weniger üblich – diese dann auch einzuhalten. Ich habe es im Januar 2011 nun zumindest mal hinbekommen, einen guten Vorsatz aus dem Vorjahr einzulösen. Auf der ProWein hatte ich ein halbes Stündchen mit Herrn Conterno gesprochen und vor allem auch die Gelegenheit gehabt, alle seine großen Nebbiolos aus den aktuellen Jahrgängen mit ihm zu probieren. Was prompt zu dem guten Vorsatz führte, „demnächst“ einmal ein paar gereiftere Nebbiolos aus diesem Haus zu probieren. Denn was so jung schon so vielversprechend erscheint, muss doch mit weiterer Reife regelrecht großartig werden. „Demnächst“ ist natürlich ein dehnbarer Begriff, doch verfügt der Weinigel ganz artuntypisch über ein elefantöses Gedächtnis. So dass ich, als mir letzte Woche beim Dealer meines Vertrauens die Il Favots aus 1997 bis 1999 in die Hände fielen, sofort zuschlug und mich noch am selben Abend ans Verkosten machte.

Zum Glück verfügt Willis Weinwerkstatt über drei Hebebühnen, so dass ich alle drei Weine nebeneinander aufbocken und gegeneinander prüfen konnte.

Den Start machte der 1997er:
Nase schon mit ersten Alterstönen, oder sagen wir ruhig Reifenoten, denn das war noch nicht der absteigende Ast, weder nicht die Altersmilde, die zur Todessüße führt, noch der Altersstarrsinn, der überholzte Weine in den Tanninsarg begleitet. Eher so ein Orangenton, der aber nicht allein blieb, sondern im Riechkolben schnell Gesellschaft von Graffitnoten und einer noch erstaunlich frischen Mineralik bekam. Gut sicher, dazu gab es auch ein paar unterholzige Töne, ein Spürchen nasser Waldboden, aber das bewegte sich noch im Rahmen dessen, was man bei großen Burgundern so schätzt. Am Gaumen wunderbar weich, recht samtig, auch schön schokoladig. Dazu kam auch hier dieser elegante Orangenton aus der Nase, gar nicht verkehrt. Leider nicht ganz so voll und vielschichtig, wie ich mir von der Nase her versprochen hätte. Dafür sehr elegant und weich. Mit mehr Luft und mehr Zeit gesellt sich noch ein Ton von rohem Fleisch oder Fleischextrakt dazu – ohne dass der Wein auch nur im Geringsten ins Animalische oder Schweißige kippen würde. Sehr langer Abgang, wenngleich auch hier etwas schlank. Immerhin 87 von 100 Willipunkten.

Es folgte der 1998er:
Eine recht würzige Nase hat er erst einmal, der Kerl. Viel Fleischextrakt, etwas Liebstöckel, sehr kräftige Nase. Die befreit sich relativ schnell aus der eindimensionalen Würze, schon nach wenigen Minuten kommen holundrige und schwarzkirschige Fruchtnoten hinzu, dazu, man glaubt es kaum, auch so viele Jahre nach der Abfüllung noch immer ein leichter Hauch von Fassvanille und Toastnoten. Am Gaumen ebenfalls volle und saftige Frucht, kirschig. Dazu ein ganzes Orchester schokoladiger Töne, der Fleischextrakt bleibt hier eher im Hintergrund. Schöne Fülle, die Samtigkeit hätte fast darüber hinweggetäuscht, was für ein korpulenter, tiefer Wein da im Glas funkelt. Wunderbare Länge, wobei im Abgang tatsächlich noch spürbar Fasstannin vorhanden ist. Ganz am Ende kommt auch die fleischige Würze wieder stärker hervor. Die 14 Prozent Alkohol sind – wie auch bei den beiden anderen Favots exzellent eingebunden, „gefühlt“ sind das höchstens 13 Prozent. Insgesamt wirkt der 98er ungemein frisch und sehr harmonisch. Er dürfte bei weitem noch nicht am Ende seiner Genussreife angekommen sein und könnte in den kommenden zwei, Drei Jahren sogar noch ein Spürchen zulegen. 90 von 100 Willipunkten.

Und schließlich nahm ich mir den 1999er vor:
Extrem mineralische Nase, etwas Teer, nasser Asphalt, drückt machtvoll auf die Rezeptoren, dicht und voll im Duft, auch kräutrig-würzige Noten sind mit drin, vor allem Liebstöckel. Daneben ein ganz leicht oxidativer Hauch, der mit Luft allerdings verschwindet und insofern nicht als Alterserscheinung gewertet wird. Am Gaumen erstaunlich fruchtig für einen Nebbiolo, zarte Schwarzkirsche, dazu ein feiner Orangen-Mazipan-Ton, dichte mineralische Textur, tolles Spiel von Mineralität, Graffitnoten,einem oxidativen Haucherl, dichter, leicht süßlicher Frucht, dabei über den ganzen Genussbogen hinweg sehr voll und tiefgründig. Großartige Länge bei erstaunlicher Tiefe und viel Druck bis ganz ans Ende des Abgangs. Keine Frage, der Wein baroliert – blind hätte ich alle Eide geschworen, dass es ein Barolo sein müsse. Groß! 92 von 100 Willipunkten. Zumal er auch am folgenden Tag noch nicht im Geringsten nachließ, der Wein hat noch eine beachtliche Zukunft.


Fazit: Der Favot bietet in allen drei Jahrgängen gute Qualitäten, der 1999er ist sogar auf einem großartigen Niveau. Für knapp 30 Euro bietet er alles, was großer Barolo auch bietet. Die beiden älteren Brüder halten das Niveau nicht ganz, lagen preislich aber auch eher bei 25 (1998) bzw. 20 (1997) als bei 30 Euro, insofern ist das Preisgefüge auch über die Jahrgänge hinweg fair und korrekt. Ich habe dem Stammdealer gleich mal den Rest abgenommen…
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