Mittwoch, 5. Juli 2017

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 36: Franck Giovannini im Restaurant Benoit Violier



Genau, es gibt Gedanken, auf die man wohl nur kommt, wenn man mit einer Restfettn aufwacht. Das muss man für die nicht habsburgisch Vorbelasteten aus der geneigten Leserschaft vielleicht erklären - vom Aufwachen mit einer "Restfettn" spricht man nicht etwa, wenn man am Vorabend bei der Ü-30-Party gegen Ende der Feier noch das an der Bar übrig gebliebene hochadipöse weibliche Wesen vom rubensischen Phänotyp in den Igelbau abgeschleppt hat und des Morgens mit einer gewissen Verwunderung neben sich im Bett die Zwillingsschwester von Beth Ditto vorfindet. Vielmehr ist die "Restfettn" der zwischen Inn und Donau gängige Fachterminus für den Grad der beim mittäglichen Aufwachen noch verbliebenen leichten Alkoholisiertheit, wenn der Abend erst kurz vor dem Hellwerden geendet hatte und mindestens so feucht wie fröhlich gewesen war. Ein sofort unter Naturschutz zu stellender Begriff, der mir unendlich viel sympathischer ist als andere, ähnlich erklärungsbedürftige Vokabeln. Ich denke etwa an das unrühmliche "Straßenbegleitgrün" aus dem Schatzkästlein des Amtratsdeutsches, erfunden von einem mit Diplom im Extreme-Hosenträgering. Ja, das Straßenbegleitgrün, das gar nicht einmal grün sein muss, sondern im Winter auch mal braun sein kann. Der Vegetationsstreifen neben der Straße, der mich allzu einladend animiert, meine vierrädrige bayerische Hochtechnologie doch dort abzustellen, wenn wieder einmal kein Parkplatz zu finden ist. Ist natürlich verboten. Und für den Amtsrat wäre es zu einfach, schlicht ins Protokoll zu schreiben, man habe auf dem abgeranzten Rasenfleck geparkt, der sowieso schon völlig abgewetzt und demnach nicht mehr zu beschädigen gewesen war. Nein, der Herr Ordnungsamtmann lässt es sich angelegentlich sei vom Straßenbegleitgrün zu schwadronieren, als seien die drei Grashalme im Auftrag des Herrn unterwegs, mit der gleichsam hoheitlichen Aufgabe, die Straße auf ihrem Weg ins Nichts zu begleiten - gerade wie die heiligen drei Könige den Heiland auf dem Weg in die Welt. In der Hoffnung, mir mit dem an langen blonden Haaren herbeigezogenen Fachchinesisch einen erklecklich höheren Verwerflichkeitsgrad meines Tuns attestieren zu können.

Ich fürchte ich schwiff gerade ein wenig ab. An sich wollte ich referiert haben - um es mal in die vor allem im Rheinland gängige Nichtverlaufenseinsform gepackt zu haben - in welche Gedankengänge die Restfettn mein beschwingtes Igelhirn gehen ließ als, ja, als dieser Kerl neben mir sich umdrehte und mir seinen Rucksack kraftvoll in die Igelbrust rammte. Meine Theorie ist ja, dass der Rucksack Rucksack heißt, wer er von einem Sack getragen wird. Und zwar einem Sack, der sich ruckartig bewegt. Der mich an diesem Tag wahrlich nicht berückende Sack war vom Phänotyp her durchaus einem Stadtoberzerwaltungsrat nicht unähnlich, der in seiner Freizeit im ärmelbeschonerten Trainingsanzug auf dem in Liegeposition gebrachten Ausklappsessel fläzt und ausschließlich Steuerfachliteratur liest, jedenfalls wenn er sich nicht gerade mit dem Gendering der Straßenverkehrsordnung beschäftigt. Grauer Kampfpantalon, garantiert naturfaserfrei, Jacke aus echtem Kunstlederimitat, die schrundigen Füße in Socken mit C&A-Logo gewandet, die wiederum in formunschönen Sandalen stecken. Trägt er unter dem ruckelnden Sack einmal einen Anzug, der Sack aus der Stadtverwaltung, so wird am Ärmel noch das Fähnchen mit dem Logo des Herstellers verblieben sein, man will der Welt ja zeigen, dass man sich das leisten konnte, das teure Zeug von Carlo Colucci. Eventuell hängt auch noch ein Palomino-Pferd aus der Hosentasche.

Ich weiß es nicht, macht das Tragen von Rucksäcken eigentlich dumm? Oder tragen nur die Doofen Rucksäcke? Anlässlich der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich der Igel unter das gemeine Volk mischt, sich etwa in öffentliche Verkehrsmittel wagt, stellt er jedenfalls fest, dass dieses Volk, soweit es Rucksäcke zu tragen beliebt, dieselben sehr gerne mit behenden Rumpfdrehungen in die nebenan stehenden oder sitzenden Menschen rammt, nach der Devise Heck schwenkt aus. Völlig gedankenlos, man dreht sich um als trüge man nicht den mit Steuerfachliteratur, einer in Schweinsleder eingebundenen Dünndruckausgabe der Straßenverkehrsordnung oder Wackersteinen befüllten Sack auf dem Rücken. Vielleicht spricht man ja deswegen vom gemeinen Volk? Möge das Volk gerne selbst entscheiden ob es strunzdumm oder hundsgemein ist, schließlich leben wir in einer Demokratie. Gemeingefährlich ist es jedenfalls, das rucksackbewehrte Volk - und wahrscheinlich sollte der Herr Stadtzerwaltungsrat mal eine Verordnung erlassen, nach der auf dem Rucksack Warnhinweise aufzudrucken sind - "Vorsicht, Aufsetzen führt zu irreversiblen Hirnschädigungen".