Montag, 24. April 2017

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 35: Schloss Berg Christian Bau



„Genau“ – ein Wort von gerade einmal bescheidenen fünf Buchstaben, nicht einmal besonders ausgefallenen dazu, und doch innerhalb weniger Jahre aufgestiegen zum Superstar des Dummdeutsch. Eine rasante Karriere von der grauen Maus im Duden, adjektivisch auf Präzision hindeutend oder auch schon mal als zustimmende Interjektion ins Gespräch geschmissen, weniger zum Ausdruck bringend, dass man die Meinung des Vorredners tatsächlich ganz exakt teile, denn diesen höflich ermunternd, ihm Unterstützung signalisierend, vielleicht auch um sich vom Lager der ja immer irgendwo lauernden ganz anders Denkenden abzugrenzen.

Doch die Zeiten dieses verbalen Mitläufertums sind für unser „Genau“ vorbei. Heute eröffnet das Wort nicht nur Sätze, sondern ganze Vorträge. Doch nicht um Zustimmung zu einem oft nicht einmal in Erscheinung getretenen Vorredner zu signalisieren, sondern als Spezialfall des „non sequitur“, es folgt auf nichts und aus nichts. Es überspielt nur die Unsicherheit des Sprechers, sei es in einer Diskussion, sei es am Rednerpult. Damit ersetzt das „Genau“, das hier groß geschrieben werden muss, da es nun ja grundsätzlich am Satzanfang zu stehen hat, nun mehr und mehr das gute alte „Ja, also“, mit dem früher unbeholfenere Rhetoren zu ihren Einlassungen anhuben, oft sogar in der extended version, dem „Ja, also, ähm, äh“. Die Zögerlicheren auch mit bis zu fünf gefühlten „a“ im aaaaalso, womit man sich schon in gefährlicher Nähe der Kuttelwurst Andouillette AAAAA bewegte und doch eher wie eine Andouille wirkte, ein Trottel.

Doch, genau, ich schweife ab, ich wollte ja vom „Genau“ sprechen, das gegenüber dem „Ja also“ eine Art Bonus-Funktion besitzt. Es suggeriert Übereinstimmung des folgenden Vortrags mit der Meinung des Auditoriums. „Seiet ohne Furcht“, ruft es den Anwesenden mit fast schon pontifikaler Anmaßung zu, „ich bin bei Euch und auf Eurer Linie, das mache ich gleich mit dem ersten Wort deutlich“. Deswegen muss das neue „Genau“ im Unterschied zum alten „genau“ auch durch ein Komma vom folgenden Restsatz abgetrennt werden. Der Sommelier, der an den Tisch tritt und uns zuraunt: „Genau, das hier ist unsere Weinkarte“ – er will damit nicht zum Ausdruck bringen, dass wir das seltene Glückserlebnis erfahren dürfen, ganz genau die Weinkarte des Hauses zu erhalten, neben der vielleicht noch viele, derselben nur ähnelnde, mit ihr aber nicht übereinstimmende Raubkopien im Umlauf sein mögen. Nein, er weiß nur seinen Satz nicht mit dem Wesentlichen anzufangen, der Sommelier. Und heischt nach Zustimmung, was hoffentlich nicht verheißt, dass die von ihm erstellte Weinauswahl diese Zustimmung per se nicht fände. Den „Genau“-Adepten ist das wohl nicht klar, dass der Versuch, sich der Zustimmung vorab zu vergewissern eher verdächtig wirkt und nun gerade das Misstrauen des Gegenübers wecken mag. „Schlagt mich nicht, eine bessere Weinkarte hätte ich Euch zwar vielleicht gerne gebracht, habe ich aber leider nicht zur Verfügung“, könnte er auch sagen, der Herr Sommelier.