Freitag, 2. März 2012

Ungeheure Forster Ungeheuer



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Ungeheure Forster Ungeheuer

Lagen wie Kirchenstück, Ungeheuer, Freundstück, Pechstein und Jesuitengarten, Erzeuger wie Bürklin, Buhl, Bassermann und Mosbacher. Wenn man im beschaulichen Weinort Forst den Wald nicht sieht, dann nicht weil Bäume im Weg stehen, sondern weil ringsum die wertvollsten Rieslingreben der Pfalz einen Belagerungswall bilden, gegen den selbst die Römerlager Aquarium, Kleinbonum, Laudanum und Babaorum verblassen würden.



Diesen Wall überwinden nur wenige. Denn der Forster gibt sich eigenwillig. Wer sich lediglich in seine Weinberge einkauft gilt ihm wenig. Respektiert werden nur jene Winzer, die auch ihre Betriebe im Ort ansiedeln. Das merkte man zum Beispiel bei den Forster Weintagen, einer wunderbar altmodisch gehaltenen Präsentationsveranstaltung, auf der auch der eher etwas rustikale Heimatdichter und die örtliche Kapelle stets eine wichtige Rolle spielen. Während die nicht im Ort ansässigen Spitzenwinzer ihre Weine aus Lagen wie dem Kirchenstück oder dem Pechstein nicht vorstellen dürfen. Das ist ebenso konsequent wie provinziell, so ein wenig wie die Karnevalsübertragungen in den dritten Programmen, wo man ja alljährlich von den Kindersitzungen in Landau, Pirmasens oder anderen Weltstädten berichten zu müssen meint.

Und so erblicken die chauvinistischen Forster ihren Oberförster dann auch nicht im hochpreisigen Bürklin-Wolf oder gar im neuen Aufsteiger von Winning. Denn die machen zwar sensationelle Weine, residieren aber in Wachenheim, respektive in Deidesheim und haben so seltsame Lagen im Programm wie das Bürklinsche Gerümpel oder den Winningschen Grainhübel. Was immer man sich unter einem Grainhübel vorzustellen haben mag. Nein, der unumstrittene Oberförster ist seit Jahren eine Försterin, Sabine Mosbacher vom Weingut Georg Mosbacher. Zusammen mit ihrem Mann Jürgen hat sie sich kontinuierlich an die Spitze der Pfalz vorgearbeitet und bringt auf ihrem Weingut mitten im Herzen des beschaulichen Forst mittlerweile sehr zuverlässig Topqualitäten aus fast allen Forster Lagen – und einigen anderen – auf die Flasche.

In Forst trinkt man vor allem trockene Rieslinge. So auch bei den Mosbachers. Deren Weine machen in ihrer Jugend schon reichlich Freude, legen dann einige Jahre lang kontinuierlich zu und halten sich, so sie denn aus Spitzenjahren stammen, bis zu zehn Jahren auf diesem Niveau. Sagt man. Der Weinigel wäre aber nicht der Weinigel, wenn er diese Behauptung nicht in einem schonungslosen Selbstversuch auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft hätte. Fünf Flaschen Mosbacherwein aus den Jahren 2002 bis 2007 habe ich mir mit in den Winterschlaf in meinen Igelbau genommen. Leider hatte der 2005er einen deutlichen Kork, so dass nur die vier anderen Weine zur ernsthaften Verkostung kamen. And here are the votes of the hedgehog jury:


Mosbacher Forster Ungeheuer Riesling GG 2007

Gebietstypische Nase, voll, leicht erdig. Schöner kräutriger Unterbau, auf dem eine kräftige Zitrusnote mit einer reifen Aprikose um die Vorherrschaft streitet. Noch sehr jugendlich für seine viereinhalb Jahre. Am Gaumen wunderbar harmonisch, feine aprikosige Frucht, die sich hier ganz klar gegen die Zitrusnoten durchgesetzt hat. Üppige Fruchtsüße, ohne dass er deswegen halbtrocken oder gar restsüß wirkte. Warmer, charmanter Charakter, ein Schmeichler von hohem Niveau. Gute aber nicht überragende Länge, hinten lässt er mir eine Spur zu früh locker, da würde ich mir noch mehr Kawumm wünschen. Mit Luft entwickelt er einen feinen Honigton, das lässt ihn elegant wirken. Was wiederum gut zu dem etwas schlankeren, tänzerischeren Finale passt. Nach einer halben Stunde im Glas kommt ein cremiger Ton heraus und die Kräuternote, die in der Nase kurz einmal herausgespitzt hatte, findet sich plötzlich auch im Mund wieder. Je länger er Luft zieht und je wärmer der Wein wird, desto karamelliger, honiglicher und sogar – im positiven Sinne – malziger gibt er sich. Großes Trinkvergnügen, gerade so an der Grenze zur Neun vor dem Komma 89 bis 90 von 100 Willipunkten.


Mosbacher Forster Pechstein Riesling GG 2007

Ganz andere Stilistik! Obwohl auch hier erdige Noten die Nase dominieren und die sonst für den Pechstein so typischen mineralischen Töne nur kleine Nebenrollen spielen. Das aber oskarreif! Der größte Unterschied zum Ungeheuer liegt jedoch in der Reife. Während man das Ungeheuer blind fast eher nach 2009 als nach 2007 gesteckt hätte, wäre dieser Pechstein für mich ein klarer Kandidat für den Jahrgang 2005 gewesen. Richtig dicke Reifenoten, ohne dass es freilich schon ins Petrolige ginge. Dazu eine leicht laktische Note, was ist das denn für ein Pechstein?

Auch am Gaumen eher erdig-kräutrig als mineralisch, dazu gesellt sich eine pikante exotische Frucht. Das Laktische findet sich im Mund zum Glück nicht wieder. Oder, genauer gesagt, es verschwindet nach zwei Minuten an der Luft. Deutlich länger kommt dieser Pechstein daher als das Ungeheuer. Dabei gibt er sich erstaunlich mandelig und würzig, nicht wirklich lagentypisch. Und nach einer halben Stunde im Glas erscheint er dann doch schon ein wenig ältlich. Ein seltsames Phänomen, einerseits kommt er mit Luft durchaus noch, andererseits welkt er gleichzeitig ein wenig dahin. Vielleicht ein Fall für eine Konterflasche? So jedenfalls nur 87 von 100 Willipunkten. Na ja, was heißt „nur“, so eine richtig schlechte Bewertung ist das beileibe nicht.


Mosbacher Deidesheimer Kieselberg „Große Hohl“ Riesling GG 2007

Jetzt wird es ernst! Eine feine, die Rezeptoren sanft liebkosende und zugleich doch auf subtile Weise druckvolle Nase schlägt mir entgegen. Etwas marzipanig, süße Mandeln, ich war mal in Lübeck zur Werksbesichtigung bei Niederegger, da roch es ganz ähnlich. Und dann wehen, nein, stürmen kräutrige Fruchtnoten in die Nase, als hätte man einen Cocktail von Aprikosen und Pfirsichen mit einem Waldmeisterstrauß dekoriert und dann einen Ventilator dahinter gestellt.

Am Gaumen viel Substanz, ölig-cremige Textur, sehr saftig und hier von einer mürben apfeligen Frucht mit Aprikoseneinschlägen dominiert. Der Pfirsich muss auf der Reise von der Nase in den Mund aus dem Obstkorb gefallen sein, das Marzipan ist aber noch da. Recht hohe Säure, die ihn am Ende des Abgangs etwas weniger rund wirken lässt als es die Nase verheißen hat. Denn hinten heraus reduziert sich die cremige Fruchtsüße deutlich und balanciert sie die Säure nicht mehr vollständig aus. Doch das kommt erst nach einigen Caudalien und klingt jetzt dramatischer als es ist. Der erste, zweite und dritte Eindruck am Gaumen bleibt einer von großer Harmonie und Strahlkraft. Saftig und massiv, dicht und persistent! Mit Luft wird er immer länger und die etwas spitze Säure im Abgang rundet sich ab. Heieiei, das wird richtig groß! Pfalz vom Feinsten. Mindestens 92 von 100 Willipunkten.


Mosbacher Deidesheimer Kieselberg Riesling GG 2002

Auch hier findet sich die klassische Mosbachernase, erdig, viel Frucht, dazu. Und – das hat er sich mit dem Alter hart erarbeitet – eine feuersteinige, ja fast ein wenig schweflig-phosphorige Note. Also jetzt nicht dieser gelbe, stinkende Schwefel, sondern eher so ein Haucherl, so eine Mischung aus Spontanvergärungston und ein, zwei Willigramm freiem Schwefel zu viel, wie man das an sich nur von Jungspunden kennt. Ein atavistischer Spontiton nach mehr als neun Jahren Flaschenreifung, Donnerschlag, was ist das denn?

Am Gaumen ein sehr gereifter, sehr feiner Riesling mit leicht spitzer Säure und einem allerersten kleinen Firneton. Hmm, ist der schon eine Spur drüber? Nein, ist er nicht! Mit Luft und ein paar Grad mehr in Richtung Zimmertemperatur wird der Wein deutlich warmherziger, präsenter und runder. Jetzt steht da ein Pfund im Glas, dass es eine Freude ist. Nur ganz am Ende des Abgangs schon ein wenig schlanker, das könnte eine kleine Alterserscheinung sein. Kräutrig ohne Ende, charmant, dicht, steht insgesamt sehr schön. Wenn ich nur wüsste, was er mir mit diesem leichten Phosphorhauch sagen will, der bis zum zweiten oder dritten Glas dieser eindrucksvollen Flasche nicht ganz weggehen mag. Erst dann schleicht er sich davon und macht einen zarten Karamell und einem leichten Brotton Platz. So dass nun eine schöne warme, gelbrote Frucht im randvollen Riedelrömer steht, ein Stückchen Karamellbonbon und ein kleines brotiges Lüftchen a la Savennieres von Nicolas Joly. Sehr ungewöhnlich! Sowas hatte ich noch nie im Glas. Das hätte ich aber gerne öfters mal. Etwas für Individualisten und lässige 91 bis 92 von 100 Willipunkten.

Was haben wir gelernt? Ja, die Mosbacherweine halten sich zehn Jahre. Lässig und mit einem Arm auf dem Rücken. Ja, die Mosbachers bringen exzellente Rieslinge auf die Flasche. Vielleicht nicht ganz so lässig, doch sehr zuverlässig. Aaaaber – auch wenn das Gut in Forst steht, die besten Flaschen waren die mit den Deidesheimer Weinen. Oha, das gibt Ärger im Dorf!
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