Freitag, 3. Juni 2011

Riesling Grand Cru Geisberg 2007, André Kientzler


Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Riesling Grand Cru Geisberg 2007, André Kientzler, Bergheim

Kientzler? Kientzler? War das nicht der Sozi, der zusammen mit Hauser im ZDF „frontal“ moderierte. So ein wenig wie Statler und Waldorf in der Muppet-Show? Oder – rein optisch – wie Saddam Hussein und der Klimbim-Opa in ihren jeweiligen Formaten? Nee, das war er nicht, der Kientzler. Das war Kienzle.



Wer ist nun aber Kientzler? Den kennt irgendwie in Deutschland noch immer kaum einer. Vielleicht weil sein Weingut so unscheinbar an der elsässischen Weinstraße liegt? In bester Lage zwar, auf halbem Weg zwischen Ribeauvillé und Bergheim, doch ohne die üblichen Reklameschilder „immer geöffnet“, „kostenlose Probe“, „kommenserein, machensemit“. Zudem kommen die Kientzlers ganz ohne die sonst so weit verbreiteten „factory outlets“ aus, die die Hugels, Beyers, Deissens, Fallers und andere an den touristischen Trampelpfaden aufgemacht haben, vor allem natürlich in den musealen Fachwerkdörfern wie Kaysersberg, Eguisheim und Riquewihr. Nee, Kientzler ist nix für die Laufkundschaft unter der Saufkundschaft. Kientzler ist für Kenner. Auch ohne Tamtam finden sich seine Weine auf praktisch allen Weinkarten der elsässischen Sterneköche. Und die Inhaber der etwas anspruchsvolleren Weinläden wie z.B. „la bonne bouteille“ in Ribeauvillé kriegen ein verräterisches Leuchten in die Augen wenn man nach Kientzler fragt.

Wer unbefangen drangeht, wird zudem merken, dass die Kientzlerweine keineswegs dem elsässischen Klischee entsprechen wollen – sonst müssten sie gefällig, mit eher knapper Säure und einem leichten Zuckerschwänzchen unterwegs sein, manchmal auch ein wenig breit vielleicht, so kennt man das von den Fallers, Deissens und Hugels. Die Kientzlers gehen eher den Weg, den sonst nur einige wenige Rieslingspuristen wie die Trimbachs in Ribeauvillé und Leon Beyer in Eguisheim beschreiten: Furztrockene Weine, mit zumindestens organoleptisch hoher Säure und Restzuckerwerten von gefühlt irgendwo unterhalb von zwei Gramm. So bewegen sich die Kientzlers manchmal dichter am Pfälzer als am Elsässer Klischee. Herrlich langlebig sind sie obendrein, jedenfalls in guten Jahren. Kürzlich habe ich mal einen 2002er Riesling Grand Cru in eine Blindprobe deutscher Großer Gewächse aus 2005 und 2007 eingeschmuggelt – gemerkt hats keiner, die meisten hielten ihn sogar eher für einen 07er als einen 05er. Die 2004er waren leider nicht ganz so kraftvoll und langstreckenläufrig wie die 2002er, die 2005er habe ich irgendwie einzukaufen verschlafen, deswegen stellte sich heute also die Frage, wie die 2007er unterwegs sind. Den Riesling Grand Cru Osterberg hatte ich vor ein paar Wochen schon einmal probiert – eine Mineralbombe von unglaublicher Länge und Fülle, sehr vielversprechend. Jetzt also ran an den Geisberg!

Sehr steinobstige Nase, viel Pfirsich, insgesamt erst einmal eher verhalten, noch leicht wachsig, immer noch sehr jugendlich und verschlossen wirkend. Am Gaumen auch dieser Pfirsich, der dort einen richtig likörigen Touch bekommt. Mit etwas Luft gesellt sich ein leicht mürber Apfel hinzu, Boskop oder so etwas. Und ein Hauch Orangensaft, der ihm eine nette kleine Fruchtsüße mitgibt, fast schon untypisch für das Gut. Aber, hallo, ist das alles noch zu. Wegen Aromenüberfüllung geschlossen. Also gebe ich ihm Zeit. Jack-Daniels-Verkostung, irgendwie. Mit Luft kommen nach ein, eineinhalb Stunden dann immer mehr feine kräuterwürzige Töne heraus, ruweresk, vielleicht trifft Waldmeister es am besten? Der Wein wird, man kann ihm dabei zusehen – oder „zuriechen“? – ständig komplexer und vielschichtiger. Dabei verströmt er auch eine ganz feine leicht schiefrige Mineralität. Was für ein eleganter, seidiger Tropfen – und das mit Länge, Fülle und enormer Power! Er verbindet diesen Druck und eine aristokratische Eleganz auf – für das Elsass – ziemlich einmalige Weise, zumal er nicht so streng und karg bleibt wie die Weine der Beyers und Trimbachs, sondern ein richtiger kleiner Schmackofatz ist. Mal ganz davon abgesehen, dass der Geisberg mit 27 Euro auch im Preis-Leistungs-Verhältnis in einer sehr viel kundenfreundlichere Dimension arbeitet als der Top-Wein der Trimbachs, der Clos Ste.-Hune. Der seinen Preis über die letzten 14 Jahre von knapp 30 auf nunmehr doch schon seeeehr mutige 120 Euro vervierfacht hat.

Noch Fragen, Kientzler? Nein, sicher nicht! Geisberg kaufen, fünf Jahre weglegen und dann mit Freu(n)den trinken. 92 von 100 Willipunkten.
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