Freitag, 20. April 2012

Egly-Ouriet Grands Terroirs d´Ambonnay, Brut Grand Cru 2002



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Egly-Ouriet Grands Terroirs d´Ambonnay, Brut Grand Cru 2002, Vieilles Vignes

Braucht man einen Grund, um eine Flasche Champagner zu öffnen? Ja, ja, das ist natürlich eine rhetorische Frage, ich weiß. Ede Stoiber hat zwar damals bei der Bundestagswahl 2002 etwas in die Richtung suggeriert, als er meinte, er werde erst dann ein Glas Champagner öffnen, wenn seine Wahl zum Bundeskanzler feststehe. Aber da ging es ja nicht um eine Flasche, sondern nur um ein Glas. Das wahrscheinlich noch heute irgendwo in den Katakomben der Münchner Staatskanzlei fest verschlossen darauf wartet, dass ein späterer bayerischer Ministerpräsident mal auf den Berliner Olymp gehoben wird. Hoffentlich hat das Zeug Reifepotenzial!

Ansonsten braucht es eigentlich keinen Grund, von Zeit zu Zeit einen Korken steigen zu lassen. Es ist doch immer gerade irgendwas zu feiern. Welttoilettentag, Weltfrauentag, take your houseplant for a walk day oder so was. Oder man feiert ausgelassen, dass die FDP mal wieder fett am Wiedereinzug in einen Landtag vorbeigeschrammt ist. Wobei, letzteres wäre dann schon nicht mehr mit einem einfach Blanc de Blancs oder gar einer Cuvée Générique abzuhandeln. Da müsste man schon in das Regal der Jahrgangscuvée greifen. Und warum nicht gleich einen Champagner aus dem Stoiberjahr 2002?

Mein Hoflieferant Egly Ouriet hat da aktuell einen Tropfen im Angebot, mit dem man sich auch höchsten Ansprüchen spielend stellen kann. An sich haben die Eglys es ja nicht so mit Jahrgangschampagnern, bisher schloss der Grand Cru Blanc de Noirs für etwa 60 Euro das Sortiment nach oben hin ab. Aber auch als Winzer muss man sich einer Welt stellen, deren Nachfrage immer neuen Superlativen hinterher hechelt, nach immer Edlerem, immer höheren Qualitäten strebt. Also gibt es neuerdings auch bei Egly einen Jahrgangschampagner. Mit 72 Euro natürlich ein wenig teurer als die bisherige Spitze des Sortiments. Aber geschmacklich eine völlig neue Welt. Eigentlich fahren die Elgys mit ihrer Preispolitik gegen den Trend. Normalerweise ist es doch ab einer gewissen Liga so, dass man für verhältnismäßig geringe Qualitätssprünge verhältnismäßig dicke Geldpakete zusätzlich auf den Tresen legen muss. Wie so eine immer steiler nach oben schießende Parabel geht das zumeist, wenn man sich rechts die Qualitätsachse und oben die Preisachse vorstellt.

Bei den Eglys flacht die Parabel ganz gegen den Trend nach rechts deutlich ab. Der Jahrgangschampagner ist mit Abstand das Beste, was ich seit einer besonders guten Flasche des legendären 1990er Roederer Christal (die mir damals volle 100 Willipunkte wert war) ins Glas bekommen habe. Die 12 Euro lege ich auf den Blanc de Noirs mit Freude drauf.

Aber fangen wir vorne an, als bei der Nase. Da springt eine kreidige Mineralität aus dem Glas. Ja, sie strömt nicht, sie springt wirklich. Wie ein Panther kommt sie in den Riechkolben geschossen. Wo sie sich mit den Krallen einer Großkatze festhält und so schnell nicht wieder vertreiben lässt. Selten kann man den Boden, auf dem die Reben wachsen, so intensiv riechen, großartig! Erst nach zwei, drei Minuten lässt die Kreide andere Götter neben sich zu. Da kommen toastige Noten heraus, eine Spur Lindenblüten, auch eingekochte Aprikosen und ein immer kräftiger werdender Hauch von hefiger Brioche. Ja selbst ein Spürchen braune Butter ist mit im Spiel. Mit noch mehr Luft kommt auch ein Birnenton an die Oberfläche und akzentuiert diese unglaublich volle, dichte Nase noch einmal ein wenig anders.

Am Gaumen weinig, dafür, dass er erst vor fünf Monaten degorgiert worden ist, kommt er schon unglaublich cremig daher. Dahinter eine sehr feine und zugleich mächtige nussige Note, sehr reife, schon gut getrocknete Walnuss. Dezente Röstaromen, kräftige Perlage mit sehr feinen Perlen. Birnige, ganz leicht karamellige Frucht, Reste von feiner Hefe, ein weiteres Jahr in der Flasche wird ihn sicher noch harmonischer werden lassen. Gleichzeitig deutlich spürbar, dass nur perfektes, vollreifes Lesegut in die Grundweine gewandert ist, spritzig, sehr nachhaltig, harmonisch und dicht.

Extrem lang im Abgang, unglaublich differenziert. Vor allem die Nussigkeit, und die kreidig-mineralische Chardonnayaromatik bleiben bis ganz zum Schluss im Vordergrund. Ein sehr großer Champagner, wie man ihn besser kaum machen kann.

Es ist bei Champagner nicht ganz so leicht wie bei großen Rotweinen oder Weißweinen, treffend zu umschreiben, was die Größe ausmacht. Sicherlich spielt die Intensität bei gleichzeitig großer Harmonie und Finesse eine große Rolle. Und da setzt dieser Tropfen Maßstäbe, weil er Druck mit Finesse auf eine so perfekte Weise verbindet, wie es selbst den größten Erzeugern nur in Jubeljahren gelingt. 98 Monate auf der Hefe zahlen sich aus.

99 von 100 Willipunkten!
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