Freitag, 24. Februar 2012

Brunello di Montalcino Le 7 camice Laura Franzinelli Socini Guelfi 2004



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Brunello di Montalcino Le 7 camice Laura Franzinelli Socini Guelfi 2004

Nachdem Wulff etliche Monate so sehr am Amt klebte, dass er zur Sicherheit nicht einmal mehr ein Fahrrad mit Rücktritt benutzte, ist es jetzt soweit. Der ehemalige Präsident, was ja im ursprünglichen Wortsinne so viel heißt wie Vorsitzender, muss plötzlich aufpassen, dass er nicht zum Einsitzenden wird und da gab es kein Aussitzen mehr, sondern nur noch Absitzen. Und schon heißt es „Unser Star für Bellevue“. Deutschland castet mal wieder, diesmal für das oberste Amt im Staat. Der Weinigel hat frühzeitig abgewunken, denn der Weinkeller im Schloss Bellevue weist zu hohe Temperaturschwankungen auf, zudem ist der Präsident gehalten, bei seinen Staatsbanketten zum Fleischgang deutschen Rotwein zu servieren. Und bei der Leber hört bekanntlich der Patriotismus auf (Bismarck). Also müssen andere ran. Und da hagelte es zunächst einmal jede Menge Absagen von den üblichen Verdächtigen: Beckenbauer – kein Rasenplatz im Garten von Bellevue, Gottschalk – wollte lieber First Lady werden, sich dafür aber nicht tätowieren lassen, Matthäus – der dachte, er müsste dann auch Bettina Wulff mit übernehmen und die war ihm zu alt. Als nächstes wurde Lammert vergeblich belämmert. Als man schon dachte, Merkel müsse sich erst einen backen, wollte sie sich lieber einen töpfern. Aber das war der FDP nicht recht. Denn nachdem man monatelang immer wieder von der Würde des Amtes lesen musste, hatte sich der Herr Kubicki, seines Zeichens Landesvorsitzender der Freidummokraten in Schleswig-Holstein, gedacht: „Würde, Würde, Würde…? Würde ich mich gegen einen Unionskandidaten wehren und damit den Ausschlag für Gauck geben, käme ich mal wieder ins Fernsehen und hätte ich vielleicht bessere Chancen, meinen schrottreifen liberalen Verein im Mai doch noch wieder in den Landtag gewählt zu bekommen. Und so gauckelte die FDP der Bevölkerung vor, dass sie den Joachim nun plötzlich auch für den besten Mann hielte. Gut, sicher, dieser Präsident hat alles was man braucht: Pastorale Ausstrahlung als kandidiere er für den Vorsitz der Eugen-Drewermann-Stiftung, die Spritzigkeit und Dynamik einer Anstaltspackung Valium und ungefähr so viel politisches Fingerspitzengefühl wie 12 Kilometer Sandstrand.



Nee, nee, da überlege ich es mir glatt noch einmal und verkünde hiermit: „Isch kandidiere!“ Allerdings lieber in Italien, denn da legt nicht die Schmutzpresse die moralischen Maßstäbe fest – irgendwo auf Seite eins unten zwischen intellektuellen und moralischen Highlights wie dem BILD-Mädchen des Monats und Schlagzeilen wie „Boris, war es Samenraub?“. Nee, in Italien ist es gute alte Tradition, dass die Schmutzpresse dem Präsidenten gehört. Und Gewaltenteilung funktioniert so, dass jeder Vertreter der ersten, zweiten oder dritten Staatsgewalt gevierteilt wird, der den Präsidenten kritisiert. Zudem kann ich dort bei meinen Banketten wenigstens italienischen Rotwein ausschenken. Sowas wie den Le 7 Camice von Laura Franzinelli zum Beispiel.

Das ist so ein gemütlicher kleiner Brunello. Unscheinbares Etikett, relativ bezahlbar, kein Großspuriger mit Schnullifreunden, sondern ein stiller Star. Würzige Brunellonase, viel Teer, Braten, Fleischextrakt. Dazwischen eher wenig Frucht. Vielleicht ein kleiner Anflug von Zimtpflaume. Dazu auch ein leicht floraler Ton, ja, klar, das ist ein Veilchen! Und zwar eher ein kleines Usambaraveilchen als ein großes blaues Auge Marke Klitschko.

Am Gaumen auf den ersten Schluck noch viel, viel zu jung. Heftiges Trommelfeuer von Tanninen am Gaumen. Doch die reißen keine Krater, adstringieren nicht, sind mit anderen Worten alles andere als grün oder ruppig. Dazu auch hier dieses teerig-würzige Leitmotiv. Viel Extrakt, kräutrig-röstige Anmutung. Im Mund deutlich fruchtbetonter als in der Nase, das erinnert an diese feinen Blackcurrantpastillen, die es manchmal in der Apotheke gibt. Schon die mit richtigem Zucker, nicht der Blödsinn mit Süßstoff. Denn Fruchtsüße bringt der 7 Camice pfundweise mit. Und auch am Gaumen steckt mitten drin als schmückende Girlande so ein kleines Sträußchen Veilchen.

Das Ganze streichelt im Abgang unglaublich lang die Geschmacksknospen, dabei bleibt der Wein bis ganz ans Ende wunderbar fest und massiv. Ein Powertropfen!

Auf den zweiten Schluck und mit mehr Sauerstoff wird er weicher, die Frucht kommt jetzt kirschiger daher. Immer dichter erscheint er, dabei so warm wie Italien im August. Ein Wein, den man in andächtigen kleinen Schlucken trinken sollte, so vielschichtig ist er und so viel hat er zu bieten. Das ist wie in einem guten Film, in dem man jedes Mal, wenn man ihn sich wieder anschaut, noch weitere Details entdeckt, die einem zuvor entgangen waren. Jeder Schluck zeigt noch einmal eine andere Seite dieses Monuments. Darunter ist irgendwann auch ein leicht animalischer Ton, ganz unterschwellig nur, doch da bin ich ganz vorsichtig, weil so etwas auch schon mal schnell ins Schweißige abgleiten kann. A surveiller! Und, wenn ich auf diesem hochalpinen Niveau noch ein wenig jammern darf, manchmal verdeckt der schiere Druck ein wenig den Blick auf die Details. Es ist ein Wein, der phasenweise vor Kraft kaum laufen kann. Den sollte man auf jeden Fall im Keller haben, faszinierend! 92 von 100 Willipunkten!