Montag, 2. Mai 2011

Trockenbeerenauslese, Emrich Schönleber



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Emrich-Schönleber 2009

Die ersten Erfahrungen mit dem Jahrgang 2010 lassen es angeraten sein, dem 2009er noch ein wenig nachzuspüren und vielleicht eher noch das eine oder andere aus 2009 in den Keller zu packen. Emrich-Schönleber hat in diesem Jahr ja allgemein ganz ordentliche Kritiken bekommen und mir bei den ersten Verkostungen sogar besser gefallen als Dönnhoff. Also ran an den Speck, ein kleines Carepaket geordert und raus mit den Korken. Damit die Sache nicht zu kompliziert wird, habe ich mich auf den Monzinger Halenberg beschränkt und mir das Große Gewächs, die restsüße Auslese und die Trockenbeerenauslese gegönnt.



Als erstes musste das Große Gewächs dran glauben: Zitrusfruchtige Nase, rosa Grapefruit stromert durch den Reichkolben, dazu ein Hauch Aprikose, ein Spürchen Grand Marnier. Am Gaumen zeigte er sich ganz ähnlich, vor allem stark von der Frucht dominiert – einer der saftigsten Weine des Jahrgangs, reichlich frische, vollreife Aprikose, dazu erstaunlich säurearm wirkende Grapefruit, warm, dicht, schöne Reife, wenn auch bei aller Saftigkeit noch sehr verschlossen. Schöne Fruchtsüße, der Wein wirkt, als sei er eher im obersten Segment von „trocken“ anzusiedeln. Kalkig-erdige Mineralität, im Verhältnis zur Frucht aber noch sehr verhalten. Erstaunlich, wie ein Wein in der Nase so schön offen, im Mund aber noch so verschlossen sein kann. Dachte ich mir so. Bis ich ihn unbeaufsichtigt etwa 30 Minuten im Glas stehen ließ und dann plötzlich eine Aromenexplosion im Mund hatte. Plötzlich war die Frucht noch viel direkter, kein Anklang mehr, schon eher ein Anschlag. Klavieranschlag natürlich, nicht Al Quaeda, aber fortissimo, voll druff. Auch die Mineralität kommt wesentlich stärker in den Vordergrund und spielt plötzlich auf Augenhöhe mit der Frucht. Vielschichtig, dicht gepackt, was für ein Volldampfwein! Der noch immer reichlich Zeit braucht, da ist noch viel Potenzial nach oben. Toller Abgang mit reichlich Druck und leider auch einem ganz leichten bitteren Nachhall. Eines der interessantesten und wahrscheinlich auch besten Großen Gewächse des Jahrgangs, für mich aber derzeit noch hinter dem Pettenthal von Kühling zurück, eher auf Augenhöhe mit Christmanns Idig. Allerdings noch nicht ganz so präsent wie dieser. 92+ von 100 Willipunkten.

Am nächsten Abend folgte die restsüße Auslese. Eine tolle Nase brachte sie mit, mit botrytischer Fanfare voraus, dahinter ein ganzer Korb Südfrüchte. Mango, Passionsfrucht, dann auch Limone, sorgsam untermalt von einem leicht waldmeistrigen Kräuterton.

Am Gaumen sagenhaft voll, fast erdrückende Süße, erst in der Mitte merkt man, dass da auch ganz kräftig Säure dagegen steht. Das sind Momente, Sekundenbruchteile vielleicht nur, in denen man ihn glatt für einen Eiswein halten könnte. Ölig, druckvoll, tiefgründig, auch im Abgang ungemein saftig, fruchtbetont, immer mit zarter Botrytiskopfnote, verschlankt sich kaum, bleibt fast ewig und hält den Druck besser als ein fabrikneuer Autoreifen. Vielleicht nicht der ganz große Tiefgang, zugegeben, es ist keine monumentale Auslese. Dafür aber eine sehr feine. Noch viel, viel Zukunft. Würde ich erst in zwanzig Jahren ernsthaft anfassen, zumal die Botrytis eine recht feine, dezente ist, so dass nicht zu fürchten steht, dass sie die Rebsortentypizität unterpflügt. Für 13 Euro die Halbflasche geradezu geschenkt. 90+ von 100 Willipunkten.

Und dann die Trockenbeerenauslese. Bei der mir Papa Heuss wieder in den Sinn kam, der als guter Württemberger Viertelestrinker einmal formulierte: „Wer Wein trinkt, betet“. Ja, ja, die TBA hätte man eigentlich auf Knien genießen müssen. Als ob ein Engel über die Seele gepinkelt hätte! Dörraprikose, viel Honig und dicker Karamell in der Nase, mit einer Wucht, wie man sie selten erlebt. Da kann man den Duft fast schon schneiden. Am Gaumen saftig, saftig, saftig – scheint in dem Jahr im Halenberg durchgängig ein Charakterisitkum zu sein. Limoniger Anklang, dahinter ungemein intensive Botrytis, trotzdem bringt er auch noch schöne Schiefernoten und einen hauch Waldmeisterwürze ein. Unglaublich tiefgründig, vielschichtig, er gibt seine Geheimnisse nur schrittwiese frei. Da kann man andächtig werden und das Glas tröpfchenweise leeren, um den Genus so lange wie möglich auszudehnen. Ewige Länge, ungemein druckvoll, eine Trockenbeerenauslese, wie es viel besser an der Nahe kaum geht. 96 bis 97 von 100 Willipunkten. Groß!

Fazit: Mit Emrich-Schönlebers Halenberg kann man 2009 kaum etwas falsch machen. Kaufen, Kaufen, Kaufen! Wer weiß, in welchem Jahrgang es wieder so gute Weine geben wird.
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