Mittwoch, 11. Mai 2011

Künstler Kirchenstück 2009 GG



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Künstler Kirchenstück 2009 GG

Ich hatte es ja neulich schon irgendwo einmal behauptet – Franz Künstler aus Hochheim hat sich 2009 nach Jahren endlich wieder einmal selbst übertroffen. Aus dem erstklassigen Jahrgang wurden tolle Rieslinge gekeltert. Mir haben bei einem Besuch vor Ort nicht alle gleich gut gefallen, die meisten waren aber schon bemerkenswert. Den Liter von 2009 hatte ich vor einigen Wochen bereits einmal auf der Hebebühne – Klassesache, aber leider inzwischen ausverkauft.
Mein aktueller Preis-Leistungs-Renner ist ein Wein aus dem Mittelfeld, der Stielweg alte Reben. Saftig, cremig, tolle Fülle und Länge. Eigentlich ein großes Gewächs, aber deutlich günstiger. Den „Weiß Erd“ als kleinsten der großen Weine des Gutes finde ich zum Beispiel nicht so gelungen wie die alten Reben aus dem Stielweg, obwohl er teurer und anspruchsvoller daher kommt. Aber er ist mir zu sehr auf der erdig-mineralischen Schiene unterwegs, da fehlt die Frucht. Wenn ich so etwas will, kriege ich in Rheinhessen das Original. Die Hölle hingegen überzeugt grundsätzlich wieder einmal sehr, ist aber noch bei weitem nicht auf dem Punkt. Dieser Wein braucht ungemein Zeit und wirkt jetzt noch fast ruppig. Mit anderen Worten: Der Charmebolzen des Weinguts, der Schmeichler, der Tänzer hat auch in diesem Jahr wieder den Vogel abgeschossen und ist als erster Vertreter der Künstler-Chefetage auf Topniveau: Das große Gewächs aus dem Kirchenstück!

Unglaublich frischfruchtige Nase, Zitrusaromen springen einen regelrecht an, leicht zitronig, daneben sehr reife Orange, dazu aber auch ein gewisser exotischer Einschlag, fast so etwas wie Mango. Noch ein klein wenig wachsig wirkt er beim allerersten Inhalieren, eben ein junger, großer Riesling. Mit mehr Luft wird er immer intensiver.

Schluss mit den Atemübungen, ans Zäpfchen und unter die Zunge mit dem Burschen! Dort präsentiert er sich als Kirchenstück reinsten Wassers. Oder muss man in diesem Fall „reinsten Weines“ sagen? Jedenfalls spielt er mit den Geschmacksknospen, unglaublich fein, elegant, mit voller Frucht im Anklang, die aber nicht erdrückt, sondern tänzelt, cremig. Da steht viel Saft, und eine wunderschöne Fruchtsüße in diesem analytisch trockenen Wein. Auch eine ganz feine Säure bringt er mit, die perfekt mit der Süße und einem dezenten mineralischen Unterton harmoniert.. Er wirkt gar nicht so druckvoll wie er in Wahrheit ist. Dass er mehr zu den heimlichen Kraftprotzen gehört, wird insbesondere im Anklang deutlich, wo er direkt eine enorme Präsenz entfaltet. Und im Abgang, der herrlich lang und vielschichtig ist. Zu diesem Tröpfchen kommt mir die Vokabel „reich“ nicht recht aus dem Sinn. Er schmeichelt, umarmt mit Überschwang und schmeißt sich in all seiner Opulenz regelrecht an die Leber heran. So präsent und reif er jetzt schon wirkt – man täuscht sich da leicht. Die Kirchenstücke sind erfahrungsgemäß sehr haltbar, die 1993er und 1998er haben es vorgemacht. Die hatten sich in ihrer Jugend ganz ähnlich präsentiert und sich dann noch etwa 10 Jahre lang bestens entwickelt. Aber – ganz genau weiß man das nie. Wenn es am Kirchenstück aus 2009 überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann dass er manchmal fast zu gefällig und zu rund wirkt. Vielleicht ein ganz kleines Haucherl oberflächlich? Schwer zu sagen. Fünf Jahre in den Keller damit und dann auf Wiedervorlage. Wenn es jemand unbedingt genau wissen muss. Wie ich zum Beispiel. Heute gibt es jedenfalls 92 von 100 Willipunkten.
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