Freitag, 18. November 2011

Dönnhoff Niedernhäuser Hermannshöhle Riesling Spätlese 2004



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Dönnhoff Niedernhäuser Hermannshöhle Riesling Spätlese restsüß 2004

Es gibt ja tatsächlich Leute, die füllen diese netten kleinen Ankreuztests im sogenannten „Wahlomaten“ aus, um herauszufinden, welche Partei sie denn wählen sollen. Sinnlos. Der Wahlomat bildet ja nur die leeren Versprechungen der Partei ab, nicht das, was dann hinterher zusammenregiert wird. Letztlich fördern die Wahlomaten einen Populismuswettlauf. Und nach der Wahl hartzt sich die SPD ihre Agenda 2015 aus dem links schlagenden Herzen, steigt die FDP aus der Kernenergie aus und fordert die Union einen Mindestlohn. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn die Linkspartei irgendwann mal drankäme. Wahrscheinlich verkaufte Porscheklaus sofort das Finanzministerium an die Hypo Real Estate. Und die Bundeswehr würde privatisiert, Soldaten kann man ja auch viel günstiger leasen! Dieses über alle Parteien hinweg zu beobachtende Auseinanderfallen von Anspruch und Wirklichkeit produziert recht zuverlässig Politikverdrossenheit. Denn, egal welche Partei man fragt, der Aufschwung gewinnt natürlich an Breite und Dynamik. In jeder Legislaturperiode!

So ähnlich ist das manchmal auch, wenn man mit Winzern redet – der letzte Jahrgang ist immer der Beste, denn der verspricht fast so viel wie der Winzer selbst. Und ganz allgemein gewinnt der Aufschwung, den das Weingut gerade nimmt, natürlich an Breite und Dynamik. Auch 2004 war so ein Jahr mit viel Aufschwung, nach dem 2003er, der ja doch eher schwierig war, weil es so heiß war. Allerdings war 2003 so richtig schwierig erst ab Herbst 2004 – nachdem der bis dahin gerne mal als Jahrhundertjahrgang apostrophierte Wein abverkauft und der Folgejahrgang gelesen war. Da kam dann plötzlich heraus, dass 2003 eigentlich vor allem Breite und nur wenig Dynamik ins Glas brachte.

Auch 2004 war nicht ganz einfach, weil sich bei etlichen Weinen doch leicht grüne, bittere Noten eingeschlichen haben. Es verhielt sich offenbar so, dass sich die Rebanlagen von den tropischen Verhältnissen des Vorjahres über den Winter teilweise nicht wirklich hatten erholen können. Deswegen habe ich 2004 nur handverlesene und ausführlich vorprobierte Weine eingekauft. Von Reinhard Löwenstein zum Beispiel, der wirklich Phantastisches in die Flasche gebracht hat.

Oder von Dönnhoff, der bei den trockenen Weinen einige ganz herausragend Tropfen auf die Flasche gebracht hat. Als Abfallprodukt dieses Einkaufs ist dann irgendwie auch noch eine Flasche restsüße Spätlese aus der Hermannshöhle in meinem Keller gelandet. Der galt es nun endlich mal auf den Weinzahn zu fühlen.

Herrliche Nase, schon eine kleine Spur Firne, nur ein Ansatz, daneben sehr opulente Apfelfrucht, konfitierte Quitte, etwas Honig, etwas Brioche, sehr vielschichtig und dabei ausgesprochen harmonisch.

Am Gaumen dominieren Firne und Apfelfrucht. So ein mürber, schon vor einer halben Stunde geschälter Apfel, der gut Luft gezogen hat und langsam erbraunt. Also schon ein kleines Spürchen oxidativ. Vielleicht ist auch ein ganz kleiner Schuss Botrytis dabei, der Honig, die Quitte und das leichte Brioche ließen das im Duft ja schon erahnen. Angenehm dosierte Restsüße, die gut mit der deutlich vorhandenen Säure harmoniert. Keine phenolischen Töne, sondern harmonisch und recht saftig. Druckvoll, jedenfalls im Anklang und in der Mitte, wo er viel Stoff an den Gaumen bringt. Hinten heraus dagegen wird er schon ein klein wenig müde, die Firne ist dort dominanter, die Frucht hat offenbar schon zum Rückzug geblasen. Eher ein fade-out als ein Tusch.

Fast könnte man denken – Mensch, dieser Dönnhoff wird doch überschätzt. Aber da kommt ja noch was. Mit Zeit und Luft stellt sich auch hier das Rieslingwunder ein. Also der Effekt, dass eigentlich schon müde Weine noch einmal eine zweite Luft bekommen und wieder munterer werden. Und so gewinnt auch bei der Hermannshöhle der Aufschwung ein letztes Mal an Dynamik – und der Trinker langsam an Breite. Denn der über den Zenit gewähnte wird noch einmal frischer, voller und komplexer. Die Frucht geht jetzt auch vom reinen Apfel in eine buntere Mischung über, da finden sich plötzlich rosa Grapefruit und Mango. Nicht mehr so eckig wirkt sie jetzt, sondern geschmeidiger und charmanter. Vor allem hinten heraus wird der Wein definierter und kräftiger, das leicht Müde wird immer weiter in den immer länger werdenden Abgang verdrängt, bleibt dort aber, die Bäume wachsen dann doch nicht in den Himmel, als leicht unrunde Komponente stehen. Wenn auch erst jottwehdeh, janz weit draußen, gefühlt schon hinter dem Zäpfchen, irgendwo knapp oberhalb des Kehlkopfes. Zur absoluten Größe fehlt es ein wenig an Finesse und Komplexität, dafür hat der Herr Dönnhoff ja auch noch seine Auslesen im Sortiment. Aber 87 bis 88 von 100 Willipunkten heimst er mit der Spätlese allemal ein.

Da könnte der Herr Dönnhoff doch auch mal lächeln. Tut er aber nicht, oder nur heimlich. Manchmal wirkt er wie der Tim Thaler der Nahe, wenn er auf der Weinmesse hinter seinem Stand mit fast schon miesepetrigem Gesichtsausdruck sein vegetatives Nervensystem von innen verwaltet und einem fast ohne Worte eine Granate nach der anderen einschenkt. Mensch, Dönnhoff, freuense sich doch mal an Ihren Weinen! Wahlomaten-tauglich ist das außerdem auch nicht, wenn man so verhalten auftritt. Und damit schon wieder sympathisch. Bei diesem Winzer muss eben man selbst draufkommen, dass der Aufschwung an Breite und Dynamik gewinnt.
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