Freitag, 23. November 2012

Lynch-Bages und Chateau Latour 1990



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Lynch-Bages 1990 und Latour 1990 

Die Regierung Ayrault in Frankreich will ein Wahlversprechen von Francois Hollande umsetzen und die Homoehe voll mit der Heteroehe gleichstellen sowie Homopaaren volles Adoptionsrecht einräumen.

Damit das Ganze nicht zu unbürokratisch wird, enthält der vorgelegte Gesetzesentwurf eine Regelung, wonach zur Vermeidung von Diskriminierungen künftig nicht mehr von "Mutter" und "Vater" gesprochen werden darf, sondern - zum Beispiel vom Lehrer in der Schule - nur noch von "Elternteilnummereins" und "Elternteilnummerzwei".
Mal ehrlich, in Sachen Comedy sind uns die Franzosen doch weit voraus, oder? So was kriegen bei uns allerhöchstens die Grünen zustanden, und das auch nur, wenn deren Elternteilnummereins Courage Claudia Roth die absolute Mehrheit bekommt. Oder ist es nur ein verzweifelter, letzter Versuch der Franzosen, die drohende Staatspleite doch noch abzuwenden? Ich meine, wenn sämtliche französischen Elternpaare ab sofort mal ein paar Monate lang diskutieren, wer Elternteil Nummer eins sein darf und wer sich mit Platzziffer zwei zufrieden geben muss, dann steigert das doch mittelfristig den Umsatz an Handfeuerwaffen, stumpfen Gegenständen und Arsenik – und diese Elternteilnummereins aller häuslichen Schlachten kurbelt dann die Konjunktur an.


Denken wir das mit der political correctness doch mal ein paar Schritte weiter und überlegen wir uns, was in Deutschland los wäre. Mutterstadt in der Pfalz und Vaterstätten in Bayern – Elternteilnummereinsstadt und Elternteilnummerzweistätten? Und wir fahren nicht mehr über den Muttertag in den Vatikan, sondern am Elternteilnummereinstag in den Elternteilnummerzweikan. Der Hautarzt entfernt ein Elternteilnummereinsmal, während im OP beruhigende Cellomusik von Anne Sophie Elternteilnummereins läuft. Oder vielleicht etwas von the mamas and the papas, the parentpartnumberones and the parentpartnumbertwos? Oder „Elternteilnummerzwei was a rolling stone“ von den Temptations...

Nein, bitte, liebe Leute, wir müssen unsere Elternteilnummereinssprache retten und uns davor hüten diesen Unsinn mitzumachen. Allein der Gedanke, dass aus dem liebevollen „Mutti“ für die Kanzlerin ein „Elternteilnummereinsi“ würde, das wäre doch nicht weniger als Elternteilnummerzweilandsverrat!

Andererseits, dieses archaische Thema, der Kampf um die Nummer eins, das begeistert natürlich auch. Zweikämpfe, Vergleiche, das ist der Stoff, aus dem die Legenden erwachsen. Der Weinigel, sowieso immer die Nummer ein unter den Weinigeln, hat kürzlich in einer Freundesrunde ein solches Titanen-Duell erlebt. Lynch-Bages 1990 gegen Latour 1990. Zwei männliche Weine, zwei Alphatiere, insofern kommen wir hier mit der Nummerierung gendermäßig und platzhirschtechnisch auch nicht wirklich leichter zu Riedel-Potte.

Als erstes kam der Lynch-Bages ins Glas: Opulente Nase, eine Spur Kaffee vorweg, dann röstig, rauchig, Blaubeeren, kraftvolle Mineralität. Ein leichter Hauch verschlossener Cabernet-Paprika ist auch noch dabei, daran merkt man, dass er selbst nach 22 Jahren noch immer extrem jung ist. Dabei hat er sich in der Karaffe schon erfreulich schnell entwickelt. Beim Karaffieren hatte ich einen kleinen Probeschnupperer gemacht, um Korkschmecker auszuschließen, da war das noch ein fast grünes, unglaublich sperriges Zeug, trockener Tabak, sowas von zugemauert, dass ich mich schon fragen musste, ob wir den nicht in einer ganz schlechten Phase erwischt hatten. Neunzig Minuten später umarmte mich plötzlich eine warme olfaktorische Fülle, dass ich es kaum glauben mochte.

Am Gaumen vorne saftige, brombeerige Frucht, eine sensationelle Süße, die sich quer durch bis tief in den Abgang leitmotivisch hält. Insgesamt bleibt dieser Tropfen unglaublich geradeaus und homogen, ein Kraftpaket mit ewiger Länge und einer grandiosen Fülle bis weit hinter das Zäpfchen, einige Kilometer in den Abgang hinein. Beerig, blau-schwarze Frucht, hinten dann nach einer weiteren halben Stunde im Glas noch druckvoller und vielschichtiger. Jetzt ist er voll auf dem Punkt, mit kräftiger Fleischwürze und viel teeriger Mineralität. Eine Tiefe und Opulenz, wie es besser kaum geht, ein Monument und dabei doch noch immer ein klassischer Bordeaux, der ungeachtet aller Muskeln seine Leichtfüßigkeit nicht verliert.

Geht das besser? Eigentlich nicht! Doch der Kontrahent an diesem Abend ist ein Latour, da darf man nicht vorschnell den Lorbeerkranz verteilen. Vorsicht ist das Elternteilnummereins der Porzellankiste!

Also her mit dem 1990er Latour. Da könnte man schon wieder überlegen, ob das mit dem Geschlecht so richtig ist. Schließlich gibt es neben la tour (Eiffel) im Französischen auch le tour (de France). Und gendermäßig nehmen die es ja neuerdings sehr genau, die Gallier. Wahrscheinlich heißt der Wein dann irgendwann nur noch Tour, um auf der sicheren Seite zu sein.

Diese Diskussionen dürften aber sehr schnell beendet sein, wenn er erst einmal im Glas ist. Maskuliner geht es kaum! Extrem kräftige Nase, mineralische Fülle, Teer, Asphalt, auch etwas Steinmehl, bleistiftige Graffit-Noten, viel Würze, Fleischextrakt, Thymian, Bohnenkraut, dazu kräftige dunkle Frucht, Brombeeren ohne Ende. Voll, satt, unglaublich dicht und würzig. Ein ganz leichtes Stinkerl ist auch mit drin, kennt man von Latour ein wenig. Aber ganz großes Kino!

Am Gaumen auch wieder Fleischextrakt, Kräuter, eine Mineralität, die ist so stramm, dass der Gaumen fast dran abprallt. Spiel ohne Ende, ungemein tief und abwechslungsreich. Zeigt immer wieder neue Facetten, neue Gesichter. Auch hier mit dem ganz leicht rustikalen Element aus der Nase unterwegs. Das geht aber fast unter, so stabil, so druckvoll und so unendlich lang ist er. Der Druck steht im Abgang immer weiter, immer länger. Wäre das eine Oper bekäme er mehr Vorhänge als seinerzeit Pavarotti. Je mehr Luft er zieht, desto stärker kommt die Frucht heraus, ein Monument an johannisbeeriger Fülle! Kräftige aber sehr weiche Tannine, schillernde Nuancen von Graffit, Süßholz, frischem Tabak. Wird im Glas immer fruchtsüßer, immer größer. Fordert in seiner Opulenz den ganzen Mann, ein gewaltiger Wein, der fast schon ins Anstrengende geht.

Und da steht man dann am Ende und vergleicht hin und her, stellt fest, dass der Latour sicher ein gutes Stück kräftiger ist, der Lynch-Bages als der elegantere aber auch direkt nach dem Latour noch sehr gut steht. Der Latour ist wuchtiger, direkter, brachialer, einen Hauch ruppiger aber auch. Eine Ruppigkeit, von der ich nicht wirklich glaube, dass sie sich mit den Jahren noch verlieren wird. Zukunft haben Sie sowieso beide noch reichlich, viele Jahrzehnte, ein halbes Jahrhundert wahrscheinlich. Am Ende habe ich den Latour einen Punkt vorne, bei 99 von 100 Willipunkten. Den Lynch sehe ich bei 98 von 100. Auf jeden Fall ein Jahrgang, in dem es Elternteilnummereins Natur sehr gut mit Pauillac gemeint hat…
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