Freitag, 3. August 2012

Zu Gast bei Pichon Longueville


Weh-Weh-Weh Willis Hausbesuche


Heute zu Gast auf Château Pichon Longuewilli Baron



Château Pichon Longuewilli Baron


Konstantin hat es schon immer gewusst. Konstantin, die Älteren erinnern sich noch, der mit der großvolumigen Stimme, dem kraftvollen Klavierspiel und dem frisch gepuderten Näschen. Konstantin, die personifizierte Empörungsindustrie, benannt nach dem Wecker auf den einem die verschwurbelte Betroffenheitslyrik und der anhaltende Sozialpessimismus nach einer Weile fast zwangsläufig gehen müssen. Aber er hat es gewusst, der Konstantin. Vielleicht hat er es auch ein wenig herbeigeknödelt? Nein, da überschätzt man ihn wohl, es hätte eigentlich auch ohne ihn kaum anders kommen können. Nach zehn Jahren Euro und alternativlos zusammengemerkelten Rettungsschirmen, nach zwanzig Jahren Lafontainschen Protests gegen die Wiedervereinigung und ihre Kosten – gipfelnd darin, dass der gute alte Saarländer sich nach einer Karriere als Fabeldichter in der französischen Aufklärung dann doch noch zum Parteivorsitzenden einer im Wesentlichen ostdeutschen Partei hat küren lassen. Da konnte es nicht mehr anders kommen. Nachdem Siggi Gabriel sich so lange zum Ochsenfrosch aufgepumpt hat, bis die grüne Betroffenheitsmafia ihm einen eigenen Krötentunnel gegraben hat. Nach Guidomobilmachung, Ulla Schmidt, Popofalla, Christian und Patrick Lindner, nach Hartz Sex im Puff von Barzel-ona, Kopperschen Peanuts und den Nüssen auf die uns Machwerke wie die Lindenstraße seit dreißig Jahren gehen. Im Hintergrund bei alledem immer das Klaviergeschrammel und die Empörungslyrik von Konstantin im Ohr. Und dann, irgendwann, ganz plötzlich, ist es soweit: REVOLUTION! Liberté, Egalité, EZB. Auf die Barriqueaden, Bürger!

Auf sie mit Gebrüll, auf die Vertreter des ersten und des zweiten Standes. Die Premiers Crus und die Deuxiemes! Bringt sie auf die Williotine, brecht Ihnen den Hals! Und glaubt mir, Ihr mit verdächtig an Bischofskäppis erinnernden roten Kapseln gekrönten Häupter, der Weinigel wird es bei der bloßen Polemik nicht belassen. Er wird eifrig mithelfen, zum Beispiel den Baronen ans Leder zu gehen. Also jetzt nicht denen, die ohne Furcht und Adel ihre Doktorarbeiten abkupferten, nein, es geht um die Barone aus dem Médoc, aus den Ländereien derer zu Longuewilli.




Weinwilli mit Baronen und Williotine


Mit einigen gestandenen Revoluzzern hatte ich mich zu einem konspirativen Treffen in Bielefeld begeben, wo gleich ein ganzes Rudel Barone zur Vernichtung anstand.
Mit dem 1997er ging es los: Zugängliche, eher leichte Médocnase, brombeergie Frucht mit deutlich cabernetig-mineralischem Einschlag, ein wenig staubig anmutend, eine Spur dumpf. Am Gaumen etwas unrund, ziemlich stechender Grünton und leicht stalliger Einschlag. Paprika, steht stark auf dem Cabernet, wenn auch einem ein wenig unreifen, grünlichen Cabernet. Leicht medizinaler Ton, etwas dünn, insgesamt aber noch recht jung und frisch für den vergleichsweise kleinen Jahrgang. Was nachhaltig stört ist der Bitterton, der gerade hinten heraus sehr deutlich im Vordergrund steht. 81 von 100 Willipunkten.

Empört Euch! Zum Beispiel über die Verblödung der Achtziger mit Bimbes-Helmut und Bum-Bums-Boris, mit den lästigen Musikanten, seien es die Halbestädter Hirntoten, die Crimmittschauer Kinderschänder oder die Treuenbrietzener Transentätschler. Da hilft nur noch der Furor der Revolution! Als nächstes holte der Scharfrichter den 1993er Baron aufs Schafott. Deutlich vielfältigere Nase als der 1997er, auch dieser Jahrgang aber leicht stallig angehaucht. Dazu eine kräftige teerig-granitige Mineralität und eine gute Portion schwarze Frucht. Am Gaumen recht rund, schön harmonisch, das Tannin gut abgeschmolzen und gerundet. Schöner Schmelz, Anklang von schwarzer Johannisbeere, es fehlt vielleicht ein klein wenig an Fruchtsüße, an Tiefe und Fülle, da merkt man den kleineren Jahrgang dann doch. Aber für einen 1993er durchaus gelungen, zumal er mit etwas mehr Luft noch ein Spürchen mehr Fruchtsüße aus dem Kellerverlies nach oben wuchtet. 83 bis 84 von 100 Willipunkten.

Bourbonen? Ist das der Plural von Whisky? Und welches Land wird’s eigentlich durch Hiobs Botschaft diplomatisch vertreten? Das können wir nicht mehr länger tolerieren! Empört Euch! Weiter im Text des revolutionären Manifests. Mit dem 1994er Baron. Verhaltene Nase, aber recht fein, Holunder, Flieder, weitere undefinierbare florale Töne, kühle, fast kreidige Mineralität, ganz leichtes Lösungsmittel, mit mehr Luft tritt eine fleischige Würze mit auf den Plan. Am Gaumen piemontkirschige Frucht, dezente Süße, etwas jahrgangsstypische Strenge, hinten heraus eine Spur bitter. Insgesamt ein Mittelgewicht mit viel fruchtsüßem Charme und einem ungewöhnlichen, leicht pfefferminzigen Ton im Abgang. Mit mehr Luft findet sich der Holunder aus der Nase plötzlich auch am Gaumen wieder. Und, ja, das Ding wirkt fast noch ein wenig verschlossen, Donnerwetter, der könnte eventuell noch leicht zulegen. 84 von 100 Willipunkten.

Sturm auf die Destille? Da stehen wir an der Robespierrespitze der Bewegung. Abs-olutismus – benannt nach dem ehemaligen Chef der deutschen Bank? Nicht mit uns, da berufen wir nicht nur die Generalstände ein, sondern gleich auch noch die Reserve du Général. Wir lynchen den Bages und knöpfen uns dann, als kleine Piratin die Pichon Longuewilli Comtesse aus 1994 vor. Verhaltene Pauillacnase, ein wenig stumpf, ein wenig herb und eine Spur eukalyptisch, das verspricht nicht sehr viel. Am Gaumen aber überraschend viel Schmelz, schön eingebundenes, sehr weiches Tannin, fast nichts von den austeren Verheißungen der Nase materialisiert sich hier. Ungemein harmonisch und balanciert, feine rote Frucht, schöne Länge, auch im Abgang noch sehr druckvoll, bleibt lange, fast ohne trocknend zu wirken, ohne Strenge. Eine typische, süffige Comtesse, guter Erfolg für den mittleren Jahrgang und klare Siegerin gegen den Baron.

Alle Gewalt geht dem Volker aus. Dem Kauder also. Kein Wunder, der Mann kommt aus Baden-Württemberg, der muss Trollinger trinken. Wir haben Bordeaux und die geniale Küche von Claudette, die Revolution frisst Ihre Rinder! Und entkorkt den 1981er Baron. Leicht bis deutlich stallige Nase, das zieht sich nun schon leitmotivisch durch die Barone, auch ein wenig medizinal, ein Willigramm Fleischwürze schwingt auch noch irgendwo mit. Auch ein leichter Orangenton lässt sich im Riechkolben feststellen, der kommt von der Reife, allerdings ists nur ein Hauch, der Nase nach sollte der Wein noch sehr lebendig sein. Am Gaumen ist es der erste Baron mit einer richtig schönen Fruchtsüße, ein wenig orangerote Frucht, manchmal fast marmeladig wirkend, dann wieder kühlere, dunklere Aromen, Rumpflaume, Schwarzkirsche, schwarze Johannisbeere. Sehr schöne Länge, der hat fast mehr Sitzfleisch als der oben erwähnte Bimbeskanzler. Durchaus auch mit Tiefe unterwegs, wenn auch nicht der opulenteste und dichteste, aber schön nachhaltig, er bleibt im Abgang lange aufrecht stehen. Noch sehr lebendige Säure, für diesen mittleren Jahrgang ein toller Erfolg. 89 von 100 Willipunkten.

„Was macht das bitte in Schilling?“ Hieß es früher bei Dalli Dalli. In unserer Zeit dürfte bald wieder die Frage erlaubt sein, was das denn bitte in Assignaten macht. Der blanke Hans mit dem phimotischen Eichelgesicht über dem stets zu engen Kragen hat die Sache mit dem Euro ausgeheckt – a propos Heck, Dieter-Thomas wäre allein Grund genug für eine eigene Revolution gewesen, was waren wir doch langmütig in den Siebzigern! – dann hat Wolfgang der Erste mit viel Clemence die Sache noch ein wenig weiter aufgeweicht, Steinbrück stoned die Griechen mit hineingelassen, ehe Wolfgang der zweite noch ein Schäuble draufgelegt und mehr Rettungsschirme gefaltet hat als Joschka Fischer Dackel für sein Ponem. Empört Euch! Also schaltet auch die Williotine auf Akkord und enthauptet uns als nächstes den 1959er Baron. Ganz leicht rumtopfige Nase, sehr schöne, fleischige Frucht, noch erstaunlich frisch, ausgeprägte, lebendige Mineralität, sehr vielversprechend. Am Gaumen viel Würze, Fleischextrakt, typische Tertiäraromen, eine pur orangerote Frucht, die wird mit Luft sogar noch etwas kräftiger. Griffiges Fleisch, tolle Textur, sehr gute Fülle und Länge, bleibt fast ewig. Sehr feine steinmehlige Mineralität, perfekter Holzeinsatz, der Wein konnte über mehr als fünfzig Jahre wunderbar reifen, großartige Balance. Nur ein Manko hat er: Erstaunlich leicht wirkt er, so als sei er auch in der Jugend schon kein Schwergewicht gewesen. Aber er bleibt lang am Gaumen, trotz aller Leichtigkeit fehlt es ihm nicht an Persistenz. So schrammt er knapp an der 90 vorbei. 88 bis 89 Willipunkte.


Jahrgang 1959 (links im Bild)


Flucht aus den Tuilerien, in der Kutsche nach Varennes. Kutschenverkehr… Da stehen wir heute fast schon wieder, wenn die Ökopaxe gleichermaßen gegen Bahnhöfe und Autos andemonstrieren. Warum nicht gleich die gute alte Sänfte wiederbeleben? Danton Aligheris göttliche Komödie war ja nichts gegen den Pietkong im Schwäbischen, der lieber Krötentunnel als Bahnhöfe beerdigen möchte und Stromtrassen bestenfalls zur Fliege Riesenhubers niemals aber zu den Windrädern im Watt dulden mag. Haben wir eigentlich genug Strom, um die Windräder bei Windstille antreiben zu können? Empört Euch! Und so geht der Meuchelmord an den Baronen weiter, als nächstes muss der 1995er dran glauben! Eukalyptisch-minzig Nase, als hätte man den Stoff in amerikanische Eiche und nicht die guten alten Bretter aus Nevers und Umgebung geschlichtet. A propos schlicht – was macht heute eigentlich der Scharping, außer das Doping im Radsport zu beaufsichtigen? Aber ich lenke ab. Zurück zum Baron! Der wirklich so viel Eukalyptus hat, als hätte man zwei vollgefressene Koalas hineinpüriert. Daneben hat er leider auch eine kleine Pattexfahne, so eine ganz leichte Lösungsmitteltrikolore. Braucht kein Mensch! Am Gaumen noch eine Spur verschlossenes Tannin, sehr heftige, fast deftige Mineralität, leicht teerig und zugleich auch ein wenig teeig, das heißt neben der sehr mundfüllenden Fruchtsüße auch ein wenig wie getrocknete Blätter. Maulfüllend, sehr dicht, fast krawallig, etwas zu „gemacht“ vielleicht, zu international, da hat man den Stil des Hauses in der Zwischenzeit (also nach dem 1993er und dem 1994er) angesichts des wesentlich kräftigeren Jahrgangs offenbar deutlich geändert. Dafür ist vom Stall hier mal nichts zu spüren. Oder noch nicht? Gute Länge, durchaus voll und mit Tiefe unterwegs, aber mir zu sehr im Mainstream und zu wenig charaktervoll, um an diesem Abend in der Spitze mitspielen zu können. 87 von 100 Willipunkten, mehr geht da nicht.

Assad – die erste Silbe verstehe ich ja noch, ich kann ja Englisch. Aber –ad? As in Advertisement? Eine Anzeige für nen Arsch? Wenn den mal endlich einer anzeigen würde! Unerträglich der Typ. Aber irgendwie nix gegen Kurt Beck, oder? Der sitzt das Rheinland und die Pfalz noch breiter als der dicke Helmut seinerzeit. Hambacher Fest hin oder her. Da lobe ich mit die Jakobiner. Jakob Kaiser zum Beispiel. Ohne Hosen unterwegs, aber mit Arsch in den fehlenden Hosen (sansculotten), also irgendwie das Gegenteil vom Beck-Kuddel. Und warum fällt mir da wieder der alte Münchner Zweizeiler ein: Auch der Eunuch der Hodenlose, kauft sich beim Frey die Lodenhose? Egal, weiter im Text, ran an den 1992er Baron, gerade einmal 1999 Jahre nach dem Tod von Hugo Capet gelesen. Kaffee pur in der Nase, dazu, man glaubt es kaum, Fenchel, leider auch wieder ordentlich Stall, dann Speck, Rauch und ein kleines Haucherl Aceton, wobei ich nicht sicher bin, obs eher in die Richtung Pattex oder Uhu geht. Am Gaumen Kohle, bitter, erinnert fast an Pinotage, so anstrengend ist dieser Bitterton, viiiiel Tanin, und das nach 20 Jahren, nee, also wissense, also nee! Hohe bis sehr hohe Säure. Kommt mit Luft zum Glück noch ein wenig, wird fruchtiger, bleibt aber bitter und eine Spur dünn. Insgesamt wirkt er fast ein wenig dornfeldereresk, recht angestrengt und vor allem anstrengend. So um die 81 von 100 Willipunkten.

Rouget de Lisle, also wörtlich übersetzt die Rotbarbe von der Insel, hat die Marseillaise geschrieben. Aux armes citoyens, zu den Waffeln, Bürger, das spricht auch die Belgier an. Die herzlich eingeladen sind, bei der Gelegenheit das Berlaymont in Brüssel zu stürmen, wenn schon revoluzzen, dann auf jeden Fall auch am Geburtsort der Rettungsschirme. Auch wir in Bielefeld spannten gleich den nächsten Rettungsschirm gegen den Durst auf und köpften den 1996er Baron. Schon wieder dieser Stall in der Nase, dazu eine kleine Karamellfahne, etwas Herbstlaub, sehr ungewöhnlich für einen so jungen Wein, und ein ganz leicht oxidativer Einschlag. Oha, da waren wir nicht sonderlicht optimistisch, was den Gaumen anging. Aaaaaber, es kam ganz anders. Viel Tannin war zu verzeichnen, doch kein grünes Tannin, sondern strammes, weiches Tannin, das den Wein über die nächsten zwei Jahrzehnte zu einer wahrscheinlich wunderbaren Reife und Harmonie transportieren wird. Also mürbes Tannin, das kommt noch, das entwickelt sich schon im Glas mit der Luft ganz exzellent. Viel Stoff, opulente Frucht, noch ein wenig verschlossen, na klar, Pflaume – und da meine ich nicht den Kai, die Zonenpflaume, die auf die Schwester Oberin wahrscheinlich stark zölibatsfördernd wirkt. Nee, die Pflaume aus dem Zwetschgenröster, der über das Vanilleeis gehört, die meine ich. Dann kräftige Mineralität, dicht, erstaunliche Tiefe, ungemein viel Substanz. Macht enorm viel Freude, tolle Länge, große Zukunft. Heute schon 90 von 100 Willipunkten, sollte in zehn bis fünfzehn Jahren noch mindestens zwei Punkte zulegen können.

Die Schreckensherrschaft des Wohlfahrtsausschuss – klingt nach absoluter Mehrheit für die Grünen, oder? Irgendwo zwischen gut gemeint und gut gemacht purzelt dem Parteivolk dann die Christbaumkugel Claudia Roth über den Weg und verströmt eine Betroffenheit, die nur mit Besoffenheit zu kontern ist. Also özedemirnix, özededirmix ran an den nächsten Baron, den 1998er. Sehr harmonische Nase, Minze, Kräuter, wobei –das sind keine grünen, frischen Kräuter, das sind angeröstete Kräuter, in einem guten Olivenöl in der Pfanne sorgfältig gewärmt und zur geschmacklichen Eskorte einer Lammschulter vorbereitet. Auch ein leicht laktischer Ton ist im Duft dabei. Insgesamt wirkt das fast eine Spur zu gefällig. Auch am Gaumen sehr harmonisch und fast ein wenig oberflächlich. Sehr mürbe Frucht, asphaltige Mineralität. Sehr harmonisch, samtig, ganz reife, mürbe, ungemein wiche Tannine, jetzt fast voll auf dem Punkt. Feine Rotfruchtigkeit, aber im Verhältnis zur Mineralität eher im Hintergrund. Große Harmonie, tolle Länge, es fehlt nur ein wenig an Dicht – und Potenzial nach oben hat dieser Tropfen auch nicht mehr. Jetzt trinken! 89 von 100 Willipunkten.

Sinnbild der Revolution ist ja die Marianne. Zum Glück damals noch ohne Michael. Sonst wäre es noch blutiger geworden. Später haben dann der Reihe nach die Deneuve und Leckertitia Casta Modell für die Marianne gestanden, was in den französischen Culotten zu einer levée en masse geführt hat, ganz ohne Viagra. Aber davon später mehr, jetzt erst einmal zum 1999er Baron. Medizinale Nase, und wenn ich medizinal sage, dann meine ich hier wirklich Apotheke, wenn man reinkommt links, der Duft der verschreibungspflichtigen Medikamente. Dazu Laub und Unterholz, Waldpilze, leck mich an der culotte, das ist ja fast burgundisch, die spinnen die Pauillacer. Am Gaumen dann orangerote Frucht, recht mineralisch, schöne Fülle, leicht konfitierte Frucht, etwas Paprika, hier erscheint mir der Kamerad dann doch wieder deutlich bordelaisiger als in der Nase. Mit mehr Luft wird er etwas rumtopfig. Gute Länge, durchaus bis tief in den Abgang mit Fülle und Dichte unterwegs, kommt mit der Luft sehr schön, tolle Mineralität, sehr dicht bis tief in den Abgang. 89 bis 90 von 100 Willipunkten.



Barone 1999 bis 2001


Kann man das noch toppen? Na ja, in der Revolution eigentlich eher nicht. Richtige Grandeur kam ja erst wieder auf, nachdem Napoleon den müden Revolutionsladen übernommen hat. Nur leider ist außer dem Herrn Spritzbrunnen aus dem Saarland niemand zu erkennen, der das nötige Ego für das Konsulatentum auf Lebenszeit mitbrächte. Außer vielleicht dem 2000er Baron. Eine unglaublich volle Nase hat der, Teer, Mineralität ohne Ende, dazu Fleischextrakt, beef jerky, dunkle Brombeerfrucht, das Ganze regelrecht brechstangig, Windstärke 12 am Gaumensegel! „Sie müssen ihn unter die Zunge kriegen“, empfiehlt Loriot, und das ist bei einem so fetten Wein nicht einfach. Unglaublich vielschichtig im Geschmack, charmant, rotfruchtig ohne Ende, dabei soooo voll und so dicht – und trotz der noch deutlich wahrnehmbaren Tannine auch ungemein charmant. Großartige Länge, bis tief in den Abgang hinein sehr ausdifferenziert, saftig, lang, konzentriert und so solide wie ein Granitblock. Heute schon 92 von 100 Willipunkten und jede Menge Potenzial für mehr.

Und so sind wir am Ende des Revolutionszyklus angekommen. Der Wecker Konstantin krönt sich selbst zum Kaiser, mal sehen, was der Weinkaiser dazu sagt – ist doch sein ius primae noctis bei den Weinköniginnen urplötzlich in Gefahr. Egal, wir verleiben uns den 2001er Baron ein, der, man glaubt es kaum, dem hochgelobten 2000er kaum nachsteht. Volle Nase, wieder mit Liebigs Fleischextrakt unterwegs, ein wenig auch mit Gewürzen, Pfeffer, Nelken, etwas Kardamom. Am Gaumen dominiert die fleischige Würze, untermalt mit Kaskaden von dunkler Frucht, sehr harmonisch, sehr voll. Großartige Länge, bis tief in den Abgang ungemein voll und differenziert. Schon eine Spur weiter als der 2000er, aber das ist marginal. Vielleicht hat er auch nicht ganz das Potenzial, heute steht er aber auf der selben Stufe und bekommt ebenfalls 92 von 100 Willipunkten, wohl mit einem Hauch weniger Potenzial für die Zukunft.


1995er Yquem, der erste Stand muss dran glauben


Wenn das Volk kein Brot hat, muss es eben Kuchen essen – sagt Marie Antoinette. Und, was soll ich sagen, recht hat sie, nachdem uns das baronige Brot ausging, haben wir noch ein wenig Kuchen zu uns genommen, ein Gläschen Yquem. Ein Dank dem edlen Spender!

Es war ein eindrucksvoller Abend, ich habe am Ende beschlossen, jetzt voll auf Revolutionär umzuschulen. Die Strecke mag belegen, wovon ich rede.

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