Freitag, 7. Oktober 2011

Tenuta San Guido, Guidalberto, 2000


Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Tenuta San Guido, Guidalberto, 2000

Ich brauche mal Nachhilfe in Politik! Vor zwanzig Jahren, als über den Regierungssitz abgestimmt wurde - Bonn oder Berlin - feierte man es als eine Sternstunde des Parlaments, dass im Bundestag wirklich mal alle so abstimmen durften, wie es ihren persönlichen Überzeugungen entsprach. Gut, das Bonn/Berlin-Gesetz als fauler Kompromiss war zwar trotzdem Käse. Aber dennoch - Sternstunde! Haben alle behauptet.



Und heute? Heute heißt es, die Regierung sei nicht mehr regierungsfähig, wenn die Abgeordneten der Regierungsfraktionen beim Euro-Rettungsschirm nicht blind der Kanzlerin folgen. Auch wenn es gegen die innere Überzeugung geht. Die Qualität des Parlaments misst sich also kaum zwanzig Jahre nach der Sternstunde von Bonn/Berlin allein noch daran, dass die Abgeordneten ihren Überzeugungen nicht mehr folgen?

Ich habe noch einmal im Grundgesetz nachgelesen. Da heißt es ja, der Abgeordnete sei nur seinem Gewissen unterworfen. Warum die da dieses „nur“ mit reingesetzt haben? Klingt irgendwie abwertend, so, als hätten die Väter des Grundgesetzes schon gewusst, dass so ein Abgeordnetengewissen nicht wirklich was hergibt, oder? Und die MdBs? Die haben sich wahrscheinlich gesagt, sie haben lieber die Staatsfinanzen auf dem Gewissen als die eigene Koalition? Auf dem Gewissen hat man also etwas, wenn man gerade keines hat? Spannend!

Ob es denn ein Zufall ist, dass ich mir just am Tage dieser bahnbrechenden Abstimmung einen Tropfen aus der Tenuta eines gewissen Guido auf die Hebebühne gepackt habe? Eines Guido, der noch dazu heilig gesprochen worden ist? Kann nicht verwandt oder verschwägert mit dem Außenguido sein, oder? Zur Sicherheit will ich hier jedenfalls mal festhalten, dass ich bei der Verkostung und ihrer ehrlichen Protokollierung voll und ganz meinem Gewissen unterworfen war.

Also, ran an die Tenuta San Guido, den Guidalberto aus dem Jahrgang 2000. Eher würzige Nase, ein wenig cabernetig, deutlicher Anklang von Paprika, schon ein wenig gereift, mit erstem kleinen Alterston, die Paprika scheint ins Unterholz geplumpst.

Am Gaumen leicht trocknend, staubige Paprika, leider kaum Frucht, vielleicht schon ein wenig über den Zenit. Doch mit viel Substanz. Da finden sich Röst- und Bratentöne, die sehr lange und nachdrücklich am Gaumen bleiben. Mit Luft wird er noch etwas würziger, ein wenig geschmortes Gemüse. Angebratene Karotten aus der Pfanne schlagen mir plötzlich entgegen. Nun auch eine Spur leicht oxidierende orange Frucht, ohne viel Saft, eher vordergründig. Dahinter fällt er in ein kleines Loch, wirkt einen Moment erstaunlich dünn, ehe dann doch wieder dieser unterschwellige Druck vernehmbar wird, der ihn am Leben hält. Irgendwie füllt das den Gaumen aus, ohne klare Strukturen oder sehr prägnante Aromen zu transportieren.

Insgeheim habe ich das Gefühl, dass unter dieser schon leicht müden Oberfläche noch ein Restchen einer einstmals stattlichen Frucht lauert. Da ist mal ein Hauch brombeeriger Süße zu verspüren, mal ein wenig Kirsche, aber immer nur eine Andeutung, dann wird es wieder spröder, tanniniger, vielleicht auch einen Tick grüner. Mit noch mehr Luft geht es dann allerdings ins Bittere, sehr Grüne. Das bleibt auch extrem lang im Abgang, der einfach nicht an Charme gewinnen will.

Am zweiten Tag zeigt er sich in der Nase deutlich mehr wie ein gereifter, cabernetlastiger Bordeaux. Jetzt finde ich im Mund endlich auch die Fruchtsüße, die am Tag zuvor noch vergeblich versucht hatte, sich nach oben zu kämpfen. Kirsche bis reife Brombeere, allerdings nicht sonderlich voll. Dabei bleibt das leicht Grüne, Bittere – und der Eindruck eines schon einen mittelgroßen Schritt über den Zenit hinaus gewanderten Weines. Obwohl so ganz, ganz hinten im Abgang phasenweise sogar so ein mineralisches Element herumstromerte, das sich am Vortag noch nicht hatte sehen lassen. Was für ein seltsamer, vielgesichtiger Bursche, launisch und immer ein wenig ruppig. Wahrscheinlich lag er mal um die 90 Punkte, heute sind es nur noch 86 von 100 Willipunkten. So geht es bergab, wenn keiner einen Rettungsschirm über die Frucht spannt. Wo ist Mutti mit ihrem gewissenlosen Haufen, wenn man die wirklich mal braucht. War halt kein griechischer Wein.
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