Freitag, 24. Januar 2014

Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt Heute auf der Hebebühne: Dönnhoff Oberhäuser Brücke Riesling Auslese


Nachruf auf Captain Cork

Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Dönnhoff Oberhäuser Brücke Riesling Auslese Goldkapsel 2007 und Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Riesling Spätlese 2007

Der Captain verlässt den Korkdampfer, die Nachricht schlägt ein wie der Enterhaken eines Prisenkommandos in der Steuerbordreling. Kreydenweisse Gesichter in Medien- wie Seefahrerkreisen. Der Captain? Der Mann, der Cheval Blanc zum Seepferdchen gemacht hatte? Der im Alleingang fast die gesamte Weinszene des Elsass auf seinem Stocherkahn den Trimbach hinunter geschrieben hat? Er kann nicht von Bord, das wäre ja als wechselte ein Kanzleramtsminister auf einen schimmligen Versorgungsposten bei der vom Captain besonders geliebten Bahn AG. Doch das Gerücht verdichtet sich schnell zur Gewissheit. Es stimmt, der Alte rollt das Segel ein wie einst die Handelsschiffe bei Château Beychewilli auf der Gironde.

Doch die Gründe bleiben im Dunklen. Hat Stylemaat Küblbeck eine Meuterei der Mannschaft angezettelt, weil er die la Tache-Flecken auf der abgetragenen Uniform des Alten nicht mehr sehen konnte? Oder hat gar das Schifffahrtsamt dem Alten das Kapitänspatent entzogen, nur weil er beim letzten Anlegemanöver am Kai der Cordobar ein Dellchen in den massivgoldenen Rumpf der Costa Concorkia gefahren hatte? Oder stimmt das Gerücht, dass der Captain selbst hinschmeißt, um eine neue Stelle als Admiral der Bateau Mouche-Flotte in Paris anzunehmen. Nicht ahnend, dass es auf den Touristenkuttern ungeachtet ihres Namens keinen Clos des Mouches fürs Bordpersonal gibt. Vielleicht war eine weitere Verspätung der Bundesbahn das Goldtröpfchen, das das Fass zum Überlaufen brachte? Geht der Alte gar aufs Altenteil, ins Austraghäusl, wahrscheinlich auf dem rheinhessischen Seehof? Man weiß es nicht, noch nicht. Doch neigt der Alte nicht zur Schweigsamkeit, wir werden es also erfahren, wenn er den nächsten Karriereschritt auf dem Weg zur Weltherrschaft tut.

Anbieten könnte man ihm zum Beispiel einen Posten als Konteradmiral auf der Oberhäuser Brücke. Dort dürfte er von morgens bis abends in der Offiziersmesse sitzen und die Rieslingauslesen des Hauses Dönnhoff genießen. Für den Captain, dessen Uniform zwischen den La Tache-Flecken vor Litzen, Streifen und Orden nur so strahlt und prunkt, müsste es schon aus farbstylischen Gründen eine Flasche mit Goldkapsel sein. Das hat die Modewoche Berlin so entschieden, da gibt es keine Widerworte. Locken könnte man ihn zum Beispiel mit dem Jahrgang 2007, kein Arschjahr, der wird ihm genehm sein.



Ich habe schon mal vorgekostet: Kräftiger Honig in der Nase, dazu Karamell, etwas botrytische Quitte, eine Spur Aprikose, dazu auch ein paar tabakige Noten. Am Gaumen dicht, fast zähflüssig, die Botrytis lässt ihn weitaus weniger trinkig wirken als Dönnhoffs Hermannshöhlenspätlese aus gleichem Jahr, die die Mannschaftsgrade im Ausguckskorb trinken. Das ist der Botrytis geschuldet, die dem Wein nach gut sechs Jahren mit quittigen, rosinigen und haselnussigen Noten fest im Griff hat. Dazu gibt es sehr konzentrierte Aromen von getrockneten Aprikosen, etwas Tabak und eine Spur Brioche. Zähflüssig, fast schnittfest, man sollte ein Entermesser dabei haben, wenn man ihn aus der Karaffe in die Gläser bringen will. Das ist kein Saft mehr, das ist Extrakt pur. Dicht gewoben, enormer Tiefgang, wunderbar lang, der dreht im Abgang noch eine und noch eine und noch eine Runde. Das hört gar nicht mehr auf. Das große Wunder besteht darin, dass der Wein trotz der massiven Süße, trotz seiner Beerenauslesenstilistik nie breit, nie pappig wirkt, sondern sich eine fast perfekte Eleganz bewahrt. Noch ausgesprochen jung, das kann und sollte noch zwanzig Jahre in Würde reifen. 95 von 100 Willipunkten.

Da ich auf dem Corkdampfer ja nicht als Offizier, sondern nur als Klabautermann arbeite - und selbst das nur in Teilzeit - gehöre ich zu den Mannschaftsgraden, die sich derweil im Ausguck Dönnhoffs 2007er Spätlese aus der Hermannshöhle hinter die Augenklappe kippen. Pikanter Duft, Dörraprikosen, Blütenhonig, leicht buttrig, waldmeistrige Kräuternoten, insgesamt viel Charme in der Nase. Am Gaumen viel Honig, konfitierte und getrocknete Aprikosen, Quitten, frisch und opulent, zugleich aber auch schon mit einem allerersten kleinen Tanzschritt in Richtung beginnender Firne unterwegs. Viel Saft, die grandiose Harmonie zwischen Süße, Säure und mineralischer Würze führt zusammen mit dem animierenden Kräuterton und dem leichten Firneakzent zu einer so großartigen Balance und Fülle, dass die Flasche schneller leer ist als Uderzos Gallier ein Piratenschiff versenken können. Die Mannschaftsgrade hängen schon am späten Nachmittag schieläugig in den Enternetzen herum, die leeren Flaschen kullern durch den Laderaum. Dass man Honig auch bei Celsiusgraden unterhalb der Zimmertemperatur so verflüssigen kann! Im Abgang zunächst noch etwas harmlos, doch mit mehr Luft gibt sich das im Igelpfotenumdrehen. Der Honig wird einen Hauch karamellig, da dürfte ein wenig Botrytis mit im Spiel sein. Auch nach der Auslese kann dieser Wein noch immer bestens bestehen. 93 von 100 Willipunkten.


Farewell Captain!


Die gekürzte Fassung gibt es auch bei Captain Kork zu lesen
Kommentar veröffentlichen