Freitag, 15. März 2013

Willi Igel - Barbaresco Negro 2007



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Cascianotta, Barbaresco Negro 2007

Das hatte uns gerade noch gefehlt. Das Unwesen der politischen Korrektheit hat die Kinderbücher erfasst. Kein Wunder, dass es Otfried Preußler diese Woche dahingerafft hat – ist ja im Kopf nicht auszuhalten, wenn die kleine Hexe plötzlich keine Hexe mehr sein darf, weil das eventuell die Frauen der Republik diskriminieren könnte. Also heißt das Buch demnächst „das kleine Mädchen mit übersinnlichen Fähigkeiten“. Richtig kompliziert wird das erst beim Hexenschuss, der dann natürlich kleines Mädchen mit übersinnlichen Fähigkeiten-Schuss heißen muss. Oder bei der Hex vom Dasenstein – kleines Mädchen mit übersinnlichen Fähigkeiten vom Dasenstein. Ist doch kein Name für eine Weinlage?!

Damit nicht genug! Natürlich darf es bei Pippi Langstrumpf auch nicht mehr „Neger“ heißen, wenn Pippi von den Ureinwohnern Taku-Tuka-Lands berichtet. Noch ist allerdings offen, wie man einen Neger politisch korrekt nennen soll. Da man bei den Negerküssen inzwischen zu Schaumküssen übergegangen ist, könnte man natürlich Analogien ziehen und einfach von einem Schaum reden. Obwohl ich mich da direkt wieder frage, woher man am Ende weiß, ob Schaum in einem Compositum dann für Neger steht oder tatsächlich nur für Schaum, wie zum Beispiel in Schaumwein, den man ja auch politisch unkorrekt niemals Negerwein nennen würde. Und was ist mit Ernst Neger, dem längst verstorbenen Mainzer Karnevalsurgestein? Wie heißt der denn jetzt? Ernst Schaum? Und wo hört das auf? Was ist mit Alice Schwarzer? Darf man wenigstens noch Schwarzer sagen? Oder heißt die jetzt Alice Farbiger? Oder auch Alice Schaum?

Ehrlich gesagt, diese krankhafte political correctness lässt mich manchmal sehr ratlos zurück. Immerhin gibt es jetzt Hoffnung. Ausgerechnet die Firma Playmobil ist es, die den Spieß herumdreht. Es sei nicht mehr einzusehen, erklärte kürzlich ein Firmensprecher mit erstaunlich ernstem Gesicht auf einer Pressekonferenz, dass die negativ besetzten Spielfiguren immer männlichen Geschlechts sein sollten. Deswegen habe man beim neuen Playmobilset „Bankräuber“ nun eine weibliche Räuberfigur aufgenommen. Gute Idee! Liebes heute-journal, liebe Tagesthemen, auf diese Steine können wir bauen. Künftig bitte nicht mehr von Kriegsverbrechern sprechen, sondern von Kriegsverbrecherinnen und Kriegsverbrechern. Mörderinnen und Mörder, Betrügerinnen und Betrügern – ich glaube, Ihr habt das Prinzip verstanden…

Darauf einen Barbaresco. Und zwar einen Negro, solange der noch so heißen darf. Aus dem Hause Cascinotta und dem exzellenten Jahrgang 2007. Klar, das ist noch zu jung, aber manchmal will man ja schnell mal reinschmecken, um zu wissen, ob man dem eigenen Weinkeller davon größere Posten einverleiben sollte. Außerdem hatte der Händler meines Vertrauens gemeint, dieser Neger sei schon sehr jung sehr zugänglich. Frühreif also, sage ich mal auf die Gefahr hin, dass ich mir jetzt auch noch doppelte Unkorrektheitspunkte wegen oenologischer Beziehungen zu Minderjährigen anderer Beerenhautfarbe einhandele.

Aber, was soll man sagen, der ist wirklich erstaunlich offen in der Nase, sehr fruchtbetont, kirschig, das könnte fast ein Sangiovese sein! Daneben finden sich lakritzige Noten, ein burgundischer Hauch von reifem Pinot, unterholzig, würzig.

Am Gaumen zunächst viel Säure, dazu dann hellrote Kirschen und schokoladige Töne. Auch das erinnert wieder an Sangiovese. Nach wenigen Minuten schält sich der aus der Nase bekannte burgundische Ton heraus, sehr würzig, aber nicht stallig, eher auf der Schiene Waldkräuter, Waldpilze unterwegs. Wirkt erst einmal etwas zu alkoholisch und recht leicht, das ist aber seiner Jugend geschuldet, da kann so ein Nebbiolo ja trügerisch einfach gestrickt wirken. Mit mehr Luft wird er dann deutlich voller, da hebt er zu einem Rundflug durch den Obstgarten ab, Heidelbeere, Brombeere, etwas Himbeere, weiterhin viel Kirsche. Umrahmt wird dieser Obstsalat von einem geschmeidigen Veilchen, oder, nein, das wandelt sich eher zu einem Holunderbukett.

Insgesamt gibt sich der Wein sehr elegant und fein, im Abgang bleibt er auch nach dreißig Minuten Beatmung schlanker als im Anklang, das allerdings in epischer Länge. Bleibt auch sehr säurebetont, was ihn aber nicht stechend macht, sondern eher pikant und animierend wirken lässt. Und nach nicht einmal einer Stunde Badezeit in der Karaffe geht das säuerliche über in eine feine Spielart hedonistischer Süffigkeit. Mehr davon!

Durchaus deutliche Tannine hat er auch nach dieser Stunde noch, aber die sind mürbe und halten sich eher im Hintergrund auf. Inzwischen lässt sich am Gaumen auch eine ganz dezente, irgendwo in der Tiefe knapp über dem Grund schwebende fruchtbetonte Süßlichkeit ausmachen. Sie hilft, das Tannin wegzupuffern und rundet den Wein angenehm. Der immer länger und immer nachdrücklich im Abgang wird. Nach zwei Stunden Luft erreicht er seinen Höhepunkt, dann gesellt sich zur Frucht und zur Süße auch noch eine bratensaftige Würze, die sehr lange am Gaumen bleibt.

87 bis 88 von 100 Willipunkten. Für 17 Euro im Weinhaus Scholzen zu Köln zu erwerben, das ist ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis! Und der würde optimal zum Zigeunerschnitzel passen. Aber das heißt ja jetzt Sinti und Roma-Schnitzel.
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