Freitag, 18. Januar 2013

Willi Igel Testet: Gebietswinzergenossenschaft Rheinfront




Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt


Heute auf der Hebebühne: Gebietswinzergenossenschaft Rheinfront


“Ach wie süß! Putzig! Das müsst Ihr unbedingt anschauen!“ Ruft Irma immer wieder einmal, wenn man mit ihr einkaufen geht. Und dann weiß man, jetzt ist ABC-Alarm! Alle Mann in Deckung, Aktentasche über den Kopf und Gasmaske auf! Aber, ach, Ihr kennt Irma ja wahrscheinlich gar nicht? Irma ist die Frau eines lieben Freundes und Irma, ja, wie soll ich es sagen, Irma hat einen sehr speziellen Geschmack. Irma ist in der Lage in einem fußballplatzgroßen Inneneinrichtungshaus mit absoluter Zuverlässigkeit innerhalb von Sekunden, den hässlichsten Einrichtungsgegenstand ausfindig zu machen. Und wenn ich hässlich sage, dann meine ich Dinge, die ohne weiteres einen atomaren Erstschlag gegen den Hersteller rechtfertigen würden.

So weit, so gut. Beängstigend ist allerdings, dass Irma die von Ihr aufgefundenen geschmacklichen Massenvernichtungswaffen zuverlässig als „niedlich“ oder „reizend“ apostrophieren und zur weiteren Verschandelung ihrer Wohnung käuflich erwerben wird. Auch das ließe sich noch ertragen, schließlich besuche ich Irma und ihren Mann nur selten – und führe dann zur Sicherheit ein halbes Dutzend Sonnenbrillen mit, die ich bei Betreten der Wohnung übereinander aufsetze.

Leider ist es aber auch damit noch nicht getan. Irma wird das – fassungslose – Einrichtungshaus auffordern, weitere Exemplare ihrer Trouvaille nachzubestellen. Diese werden sodann an Irmas Freunde verschenkt. In der klaren Erwartung, dass die Freude diese Großzügigkeit mit dem selben entzückten „süß“ oder „putzig“ honorieren und die Geschenke nicht etwa in die Restmülltonne entsorgen, sondern ebenfalls zur Dekoration der heimischen vier Wände nutzen. Hoffnung auf Rettung gibt es nicht, selbst Amnesty International hat aufgegeben.

Inzwischen bin ich draufgekommen, wie man dennoch gewinnbringend mit Irma einkaufen gehen kann. Ihr müsst Sie nur als „Kontraindikator“ nutzen. Wenn Ihr zögert, ob Euch ein, na sagen wir mal Teppich gefällt – einfach das Ding kurz Irma zeigen. Und wenn sie auch nur ansatzweise in Verzückung gerät, dann wisst Ihr, nein, dieser Teppich, auf dem können gerne ein halbes Dutzend Entwicklungsminister aus Afghanistan dahergeflogen kommen, in meine Wohnung darf ich den trotzdem nicht lassen!

Tja, wenn man da eine Weile lang drauf rumdenkt, dann kommt man sehr schnell drauf, dass die Welt eigentlich voll von solchen Kontraindikatoren ist. Da gibt es reihenweise Menschen und Institutionen, bei denen weiß man – wenn die etwas gut finden, kann es nichts für mich sein. Hier mal eine unvollständige Liste:

Bettina Böttinger

Heribert Prantl

Sonja Zietlow, Sonya Kraus und viele andere Sonj/yas
Die taz

Nicolas Mbele aus Kenya, der mir zu meinem Lottogewinn gratuliert

Herbert Grönemeyer

Xaver Naidoo, sowie alle diejenigen, die den Xaver vor dem Naidoo so aussprechen wie das englische Saviour

Oskar Lafontaine

Nena

ehemalige wie amtierende Generalsekretär(inn)e(n) der CDU oder der SPD

Moderatoren von 9live

Kandidaten bei Fernsehcastingshows

Sozialpädagogen

Menschen, die ihre Mitte suchen
Sozialpädagogen, die ihre Mitte suchen
Österreicher
Volksmusiksänger
österreichische Volksmusiksänger

österreichische Volksmusiker mit Sozialpädagogenausbildung, die ihre Mitte suchen
Holländer
Fans von Bayern München
Vegetarier
Bela Rethy
Kleriker (außer wenn es um Wein geht)
FDP-Politiker (außer wenn es um Alkoholika jeder Art geht)
Mitarbeiter der Bahn AG oder der Deutschen Post
Holländische Mitarbeiter der Bahn AG, die Mitglied der FDP sowie Fan von Bayern München sind, Sozialpädagogik studiert haben, ihre Mitte suchen und als Vegetarier Volksmusik machen

Soweit die vorläufige Liste. Die könnte ich noch Stunden fortsetzen. Aber eigentlich wollte ich ja etwas über Wein erzählen. Denn auch beim Wein gibt es ja Kontraindikatoren.

Erstens: Man kaufe nie einen Wein von der Genossenschaft!

Zweitens: Man kaufe keine deutschen Weine mit goldener Kammerpreismünze, die kriegt ja schließlich fast jeder zur Prüfung angestellte Wein! Und wenn ein Erzeuger es nötig hat, damit zu werben, ist ihm sowieso nicht mehr zu helfen!

Drittens: Man kaufe keine deutschen Weißweine außer Riesling!

Viertens: Man kaufe keine Rheinhessenweine von vor 1990!

Fünftens: Man kaufe keine Weine aus Katastrophenjahrgängen wie 1967

Sechstens: Man kaufe keine Weine aus alten Großlagen

So gesehen gibt es gleich sechs gute Gründe, den 1967er Dienheimer Tafelstein Silvaner hochfeine Auslese Cabinet von der Bezirkswinzergenossenschaft Rheinfront, ausgezeichnet mit der Goldenen Kammerpreismünze, nicht zu trinken. Ich habe den Wein aber trotzdem mal versucht. Und feststellen müssen, dass meine Kontraindikatoren manchmal nur sehr beschränkt funktionieren. Haus und Hof hätte ich verwettet, dass das Zeug nicht mehr genießbar sei, wenn es das denn jemals gewesen sein sollte. Aber dann…

Nase leicht karamellig, Rosine, eine Spur rauchige Botrytis, nicht viel, gerade so eine Spur minzige Kräutrigkeit verleiht sie dem Wein. Dazu auch eine Prise Schwarztee. Dominantes Leitmotiv bleibt aber der honigartige Karamell. Davon steht jede Menge vor den Rezeptoren herum, füllt mindestens zwei Gottschalknasen (Mensch, den Gottschalk habe ich oben auf der Liste vergessen, Mist!) und macht richtig Druck.

Am Gaumen verhaltene Süße, auch hier findet sich die botrytische Rauchigkeit wieder, dosiert, nicht erschlagend, dazu ein florales Element, das mich am ehesten an Lilienblüten erinnert. Der Karamell wirkt etwas verhaltener, taucht nur in der Mitte kurz auf und erlebt ganz am Ende noch einmal eine kleine Auferstehung. Sehr gute Länge, in Würde gereift, ein eleganter Wein, alles andere als zu alt, harmonisch, sehr fein. Vielleicht ein wenig zu schlank, vor allem hinten heraus? Doch da kommt mit etwas Luft noch eine sehr ausdrucksstarke kräutrige Süße zum Vorschein – nach dem Karamell kommen plötzlich diese Kräuter aus der Deckung, fast schon opulent, durchaus noch ziemlich frisch und sogar tiefgründig.

Wow, der kratzt in der Summe sogar an den 90 von 100 Willipunkten. Am Ende notiere ich mir eine 89 und für das neue Jahr den guten Vorsatz, bei den Kontraindikatoren etwas vorsichtiger zu werden, zumindest bei den oenologischen…

Zwei Tage später gab es übrigens noch den Niersteiner St.-Kiliansberg aus gleichem Haus, gleichem Jahr und mit gleicher Kammerpreismünze. Fast ebenso gut, wenn auch etwas schlanker und weniger nachhaltig, 86 von 100 Willipunkten.