Freitag, 20. Januar 2012

Kehrwoche im Erdener Treppchen


Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Kehrwoche im Erdener Treppchen

Nee, nee, nee, wie ist dieses Jahr 2011 nur zuende gegangen? Der Freiherr zu Guttenberg feiert sein Comeback, jetzt ohne Gel, dafür vorerst gescheitelt. Rufschädigung in eigener Sache reloaded. Auch die FDP arbeitet an ihrem Image. Die haben offensichtlich Simmel gelesen und das auch gleich zur Grundlage ihrer Personalpolitik gemacht: Erst kamen die Clowns, dann kamen die Tränen. Der Herr Döring ist noch gar nicht im Amt, da beleidigt er – Respekt – schon seinen Parteivorsitzenden. Oder „Parteifurzenden“, wie das in Brüderle-Schnellsprech neuerdings heißt. Und der Brüderle, das spatzen ja die FDP-Pfeifen von den Dächern, der wird dann der nächste Furzende sein, wenn nach den Tränen wieder die Clowns drankommen.

In der Privatwirtschaft läuft es allerdings auch nicht runder als in der Politik. Die Firma pip zum Beispiel hat in ihre Brustimplantate nicht etwa das gute Brustsilikon eingefüllt, sondern das deutlich günstigere Sanitär-Dichtungssilikon. Vielleicht gar kein Fehler. Denn aus meiner Sicht sind die Frauen, die sich die Brüste aufpumpen lassen, sowieso nicht ganz dicht. Da könnte das Silikon ja sogar helfen. Und auch andere haben 2011 saftig über die Stränge geschlagen. Die Versicherungsbranche zum Beispiel – noch gar nicht so lange her, dass es Gezeter gab, weil die Hamburg-Mannheimer mit Parisern nach Budapest reiste. Jetzt ist eine andere bekannte Firma ins Wüstenrotlichtmilieu aufgebrochen. Vielleicht treffen sie dort den Alfons Schuhbeck. Der prostituiert sich neuerdings nämlich ebenfalls. Allerdings nicht für eine Versicherung, sondern für McDonalds. Klingt jetzt auch nicht plausibler als die Behauptung, die katholische Kirche gebe Pornos heraus. Obwohl, da ist mein Weltbild etwas durcheinander gekommen, das ist vielleicht ein schlechtes Beispiel. Also sagen wir lieber, es klingt auch nicht plausibler als die Behauptung, der Papst habe eine Abtreibungsklinik aufgemacht. Trotzdem macht der Alfons lustig Werbung für die Pappendeckelbrötchen vom Schotten. Vielleicht „kocht“ er demnächst ja mal ein paar davon bei Lanz? Fehlt nur noch, dass der Egon Müller Werbung für Rotkäppchen macht.

Nein, die Welt ist aus den Fugen, Ihr könnt sagen was Ihr wollt. Halt geben da nur noch einige wenige Traditionen und Gebräuche. Die gute alte Kehrwoche im Schwäbischen zum Beispiel. Kennt das noch jemand? In Mehrfamilienhäusern ist jede Woche eine andere Partei mit der Reinigung des Treppenhauses dran. Wer versucht, sich mit einem „I don´t kehr“ aus der Affäre zu ziehen, wird standrechtlich erschossen. Nur wer einmal Zeuge war, mit welcher Aufmerksamkeit die anderen Parteien jeweils kontrollieren, ob erstens überhaupt und zweitens gründlich genug geputzt worden ist, der hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Nationalsozialisten seinerzeit die Blockwarte rekrutiert haben. Diese Woche war ich dran mit der Kehrwoche. Das Erdener Treppchen musste mal richtig durchgefegt werden. Und das ist ganz schön viel Arbeit. Denn das Treppchen weist über 50 Prozent Steigung auf. Weswegen auch so viele Treppen in den Weinberg geschlagen worden sind. Daher auch der Lagenname. Ansonsten: Viel Schiefer, viel Sonne, das macht in der Summe richtig viel Potenzial für sehr großen Riesling. Zumal mit Kees-Kieren und Christoffel auch zwei Spitzenwinzer Parzellen in den Filetstücken haben.

Den Anfang meiner Kehrwoche machte aber die restsüße Riesling-Goldkapselauslese aus dem Treppchen, die der Meulenhof 1996 abgefüllt hat. Ein guter Erzeuger aus der zweiten Reihe, immerhin. Versteigert in Bernkastel 1997.

Sehr gereifte Nase, Quitte, Honig, leicht botrytischer Einschlag, auch eine dezente Spur von Kaffee, etwas oxidierter Apfel. Am Gaumen viel Karamellapfel, kandierte Aprikose, etwas Rosine, sogar ein gewisser Mandelton. Später kommt noch eine fast schon ruwerige Kräuterwürze hinzu. Etwas botrytischer Honig auch hier, leider nicht sehr konzentriert und mit einem kleinen Loch im Abgang unterwegs, wo er außerdem ein wenig verflacht. Für eine Goldkapselauslese eigentlich zu wenig, wenngleich ein charmanter Wein, der jetzt ziemlich gut auf dem Punkt ist, vor ein bis zwei Jahren vielleicht auch noch eine Spur besser gewesen sein könnte. Aber mit Luft wird er noch deutlich voller. Jetzt wird die Sache harmonischer, das Schlagloch im Abgang füllt sich so langsam. Damit kommt der Wein insgesamt deutlich harmonischer und eleganter über den Gaumen. Vor allem die Kräuter werden üppiger und ausdrucksvoller, ein richtiges kleines Waldmeistersträußchen hat er plötzlich in der Hand. Dazu gesellen sich typische Rieslingtertiäraromen, wie man sie bei reifer Botrytis häufiger einmal antrifft, das geht so richtig ins Tabakige, und zwar krümeliger Tabak einer alten Zigarre, garniert mit einem Anflug kalten Rauchs. Viel länger als eine Stunde dauert die positive Entwicklung nicht, dann kippt der Wein mehr und mehr in diese Tabakaromatik ab und wird wieder unfreundlicher. Trinken! 87 von 100 Willipunkten.

Nun heißt es ja aber Kehrwoche und nicht Kehrabend. Und wer kommt schon eine ganze Woche mit einer einzigen Flasche hin? Also geselle ich noch einen zweiten Erdener Riesling hinzu, die 1996er Spätlese* restsüß aus dem Treppchen von Kees-Kieren. Auch dieser Wein stammt aus der 1997er Versteigerung in Bernkastel.

Wie beim Meulenhof ist die Nase auch beim Kees-Kieren schon ein wenig mit Reife tönen unterwegs, etwas Karamell, konfitierte Aprikosen, ganz leichter Anflug von frischer Zigarre, dazu auch hier ein leichter Kräuterton. Sehr filigran und fein, das Ganze. Gereifte Mosel in Bestform! Davon inhaliere ich kein kleines Schnupperchen, sondern gleich einige Cyranozinken voll.

Mit Luft und ein, zwei Grad mehr Temperatur entfaltet sich diese elegante Nase noch weiter, der Reifeton tritt in den Hintergrund, die Aprikose wird voller, irgendwie auch jugendlicher. Der Karamell mutiert unterdessen so langsam zum Mandelkrokant.

Am Gaumen schöne pikante Kräuterwürze. Galiamelone, dazu auch hier die volle Aprikose aus der Nase. Gerade richtig dosiert der Reifeton, ein klein wenig rosinig tritt er auf, wie diese extragroßen, nicht ganz so eingetrockneten gelben Rosinen, die man beim Türken manchmal bekommt. Kein echtes Petrol, nur ein Hauch von Firne, der Wein scheint mir fast noch voll aus dem Höhepunkt. Nach dem Anklang ist auch hier zwar ein kleines Loch wahrzunehmen, ein Durchhängerlein. Doch im Abgang zeigt er sich dann wieder sehr stabil, die Süße kommt da wunderbar verkräutert und verhalten zum Ausdruck. Cremig, eine Spur honiglich, leicht und dennoch gaumenfüllend. Tapeziert den Mund geradezu aus! Vielleicht ist die kleine Schwäche zwischendrin eher dem mittleren Jahrgang geschuldet als einer vermeintlichen Überlagerung? Denn ansonsten könnte er hinten heraus nicht so frei von Müdigkeit sein. Da ist auch nach Stunden keinerlei „Auslassen“, keine Schwäche zu beobachten. Diese Spätlese fügt sich perfekt in die Reihe vieler 1996er Spätlesen und Auslesen des Weingutes, die ich in der Weinstube meines Vertrauens in den letzten Jahren probieren konnte. 1996 war ein Kees-Kieren-Jahr! Die Goldkapselauslese des Meulenhof lässt dieser Wein jedenfalls weit hinter sich. 91 bis 92 von 100 Willipunkten! So einen flotten Feger kann man in der Kehrwoche gut gebrauchen!
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