Freitag, 12. August 2011

Dr. Pauly-Bergweiler, Graacher Himmelreich, Riesling Spätlese restsüß 2005



Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: Dr. Pauly-Bergweiler, Graacher Himmelreich, Riesling Spätlese restsüß 2005

Zwischen den großartigen Schieferbomben der Untermosel und den eleganten Saarweinen in der Trierer Umgebung gerät die Mittelmosel manchmal ein wenig in Vergessenheit. Vielleicht weil die strahlkräftigen Winzerpersönlichkeiten nicht ganz so dicht gesät sind? Oder weil die Weine sich noch dichter an der Moselweintradition früherer Jahre und Jahrzehnte bewegen? Hochalkoholische und ebenso hoch konzentrierte Erste Gewächse mit Fettrand um das viele Fleisch sind hier eher die Ausnahme. Stattdessen findet man noch Lagentypizität, wie zum Beispiel in wunderbaren Weinen aus der Brauneberger Juffer Sonnenuhr von Fritz Haag. Und man findet noch die eleganteren, leiseren Moselweine, die viel Zeit zum Reifen brauchen und echte Langstreckenläufer sind. Kees-Kieren zum Beispiel bringt aus den Erdener und Graacher Lagen immer wieder sensationelle restsüße Marathonauslesen hervor.

Zeit also, mal wieder einen Mittelmoselaner auf die Hebebühne zu wuchten! So ganz einfach mache ich es mir nicht, Fritz Haag, Thomas Haag oder Kees-Kieren kann schließlich jeder. Deswegen habe ich mir einen Erzeuger ausgesucht, der sich in den letzten zwanzig Jahren nicht durchgängig auf höchstem Niveau bewegte – Pauly-Bergweiler. Viele ordentliche bis gute Weine habe ich von dort immer wieder verkostet, zumal einer meiner besten Weinfreunde das Gut sehr genau beobachtet und für uns beide zuverlässig die Rosinen herausgepickt hat. Daneben, das war auf Weinmessen festzustellen, gab es aber regelmäßig auch sehr mittelmäßige Ware. Vielleicht hat man einfach zu viele Weine aus zu vielen Lagen in zu vielen Qualitätsstufen abfüllen wollen. In den letzten fünf Jahren ging es noch einmal ein gutes Stück voran, seit Sohn Stefan 2006 das Gut übernommen hat. Immerhin in Heilbronn und Weinsberg ausgebildet, hat er sich daran gemacht, dem Haus eine etwas modernere Linie zu verpassen, ohne deswegen die Mittelmoseltradition über Bord zu werfen. Das werde ich weiter beobachten. Heute gibt es aber noch einen Wein aus dem letzten Jahrgang des Vaters, eine restsüße Spätlese von 2005 aus dem Graacher Himmelreich.

Opulente Nase, leicht angebratener Apfel steigt aus dem Glas auf, erinnert auch ein wenig an Kaiserschmarrn, warme Rosinen, etwas Dörrobst, voll, mit einem ersten leichten Reifeton, der eine wunderbar pikante Kopfnote hinzugibt. Riecht „goldgelb“, also vollreif , warm, dicht und opulent in der Nase.

Am Gaumen ebenfalls dieser vollreife Riesling, satter Karamell im Anklang, deutliche Süße, die sich angenehm mit einer pikant-apfeligen Säure paart. Kleidet den Gaumen voll aus, saftig, der Apfel und die Rosine aus der Nase verweben sich zu einer Art oenologischem Apfelstrudel, allerdings ein wenig dominiert von den feinen, pikanten Reifenoten. Scheint mir jetzt voll auf dem Höhepunkt zu sein, die beginnende Firne erdrückt die Frucht noch nicht, sondern begleitet sie elegant und schmeichelnd. Schön langer Abgang, auch recht voll, nur ganz gelegentlich scheint eine leicht laktische, vollmilchschokoladige Spitze hervor, die nicht unbedingt in einen Weißwein gehörte. Aber das bleibt verhalten genug, um den positiven Gesamteindruck nicht zu stören. 87 von 100 Willipunkten.
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