Freitag, 26. August 2011

2000er Château Ramage la Batisse Cru Bourgeois


Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt

Heute auf der Hebebühne: 2000er Château Ramage la Batisse Cru Bourgeois Haut Médoc

Gar nicht so leicht, Weinhändler meines Vertrauens zu werden. Das ist ein Status, den man sich verdienen muss. Mit guten Empfehlungen, mit fairen Preisen und vor allem damit, dass einer sich an meinen Geschmack herantastet und mir gezielt Bouteillen anbietet, an denen ich Freude zu haben drohe. Manchmal entsteht Vertrauen aber schon nach kurzer Zeit. Zum Beispiel bei diesem netten kleinen Weinhändler in Perros-Guirec. Das liegt an der Küste des rosa Granit, im Norden der Bretagne und damit nicht wirklich in einer Gegend, in der man gute Weine vermuten würde. Denn nur einen kleinen Hinkelsteinwurf weiter gen Osten ballen sich jene Weindepots, die man eher Deponien nennen sollte. Mit ihren Angeboten für die von der britischen Hauptinsel auf Fähren und Hovercrafts herübermarodierenden Horden. Da schiffen sich Menschen ein, denen man durchaus auch solche Verirrungen wie Liebfraumilch andrehen kann. An sich ja ein Produkt, das den Ruf Deutschlands in aller Welt kaum weniger zu schädigen geeignet ist als die zwei bis drei wenig erfolgreichen Angriffskriege des letzten Jahrhunderts oder die Außenpolitik von Guido Westerwave.

Ich schweife ab, eigentlich wollte ich ja nicht das Elend im Norden Frankreichs beleuchten, sondern den Weinhändler meines schnell gewonnenen Vertrauens in Perros-Guirec. Bei dem fiel mir eine Flasche Ramage la Batisse in die Hände. Ein recht ordentlicher Cru Bourgeois aus dem Haut-Médoc. Noch dazu aus gutem Jahrgang – 2005. Und zu einem fairen Preis, knapp über 17 Euro, da kann man nichts sagen. Trotzdem hat er etwas gesagt, der Weinhändler. Besser gesagt, er hat gefragt. Ob ich den Wein lagern oder bald trinken wolle. Ich gab zu, dass es um relativ spontane Befriedigung des latenten Appetenztriebes aus dem linken Leberlappen heraus gehe. Mit anderen Worten – noch heute soll der Bouteille der Hals gebrochen und mir der meinige gefüllt werden, ebender, den ich bekanntlich nicht voll kriegen kann.

Darauf entfuhr dem Weinhändler meines Vertrauens an dieser Stelle ein Laut, der, wäre der Mann germanophon gewesen, nur ein loriotisches „ach“ hätte sein können. Eines dieser „achs“, die erstens mit drei Buchstaben mehr Zweifel zum Ausdruck bringen als andere in ein zwölfbändiges philosophisches Werk hineinfabulieren könnten. Eines dieser „achs“, die zweitens auch einen Anflug, ach was, einen Sturzflug von Tadel transportieren. Nun gut, der Mann war frankophon, insofern dürfte es eher ein auf maximal zweieinhalb Buchstaben eingedampftes „aaaaaah ouuuui“ gewesen sein.

Mein ist die Rache! Ich hätte ja fragen können, was ihm nicht passt und warum ihm das nicht passt. Habe ich aber nicht. Sondern fragend geschaut. Lange. Blickduell!! Das dauerte. Am Ende kam er dann doch aus der Reserve, der Händler, legte den verbalen Gang ein und ließ ganz langsam die Kupplung kommen. Dieser Ramage la Batisse, so erfuhr ich, der reife langsam. Den 2005 jetzt schon zu trinken, sei „nicht erstrebenswert“. Pause. Wieder hätte ich fragen können, womit ich denn dann den Durst bekämpfen könnte. Habe ich aber nicht. Sondern fragend geschaut. Schon wieder. Diesmal nicht ganz so lange. Dann erfuhr ich – vom selben Weingut sei auch noch der 2000er vorrätig. Der sei jetzt trinkreif. Wenns denn sein müsse. Und ich ihn vorher mindestens eine Stunde in die Karaffe packte. Sonst wärs schade drum.

Da waren jetzt gleich eine ganze Reihe von Dingen dabei, die geeignet waren, Vertrauen zu wecken. Zum einen bot er mir als Ersatz für den Jungspund nicht irgendeinen miesen Jahrgang an, der zwar vielleicht Trinkreife, im Zweifel aber wenig Trinkvergnügen mitgebracht hätte. Zum anderen war der 2000er sogar glatt noch zwei Euro günstiger als der 2005er, es ging also auch nicht um den Umsatz. Sondern darum, mir einen Wein im optimalen Genusszeitpunkt zu verkaufen. Dass ich auch noch umfänglich befragt worden bin, welche Art von Weinen ich den im Allgemeinen wie im Besonderen bevorzugte, und auf der Basis meiner Einlassungen gleich ein halbes Dutzend weitere Empfehlungen für andere interessante Schätzchen aus dem sehr feinen Sortiment des Hauses auf mich einprasselten, sei nur am Rande erwähnt. Ebenso wie der Umstand, dass der Mann nicht versucht hat, mir seine reichlich vorhandenen Edelweine für hohe zwei- bis niedrige dreistellige Eurobeträge aufzuschwätzen, sondern mir eher seine Trouvaillen für 8 bis 15 Euro vorstellen wollte. So liebe ich das.

Wie es dann so ist, danach musste ich den 2000er Ramage la Batisse natürlich mitnehmen. Und gleich noch eine Karaffe dazu, denn, nachlässig wie ich bin, hatte ich ausnahmsweise mal keine mit in den Urlaub genommen.

Und am selben Abend wurde probiert:

Feine Nase mit reichlich dunklem Kakao, dazu Pflaume und eine elegante kühle Mineralik. Auf den ersten Reinschnupperer wirkt er noch ein wenig verschlossen. Der Weinhändler meines minütlich wachsenden Vertrauens lag richtig – selbst der 2000er braucht die Belüftung noch. Auch eine Spur Eukalyptus schwingt in der Nase mit, was ihn ein klein wenig medizinal wirken lässt. Doch das gibt sich im Laufe der Atemübungen in der Karaffe sehr schnell. Nach 30 Minuten hat er schon erheblich an Profilschärfe und Expressivität gewonnen. Das Medizinale ist weg und weicht einer kakaolastigen, charmanten Nase, wie man sie von guten Bordeaux mit viel Finesse und Balance kennt, vor allem wenn sie aus der Gegend von Margaux stammen.

„Mortimer, es soll Leute geben, die trinken etwas anderes…“ „Shocking!“

Das erschien so verheißungsvoll, dass der erste Probierschluck nach 30 Minuten schon an den Gaumen musste – obwohl der Händler eigentlich eine ganze Stunde Karaffe angeordnet hatte. Erstaunlich weich wirkte der Wein nun schon, sehr rund, allerdings auch noch mit einer guten Portion Tannin auf dem Dachgepäckträger. Als Kopfnote sozusagen. Erkennbar ein prachtvoller Jahrgang auch für dieses Château, von dem ich den 2000er noch nie probiert hatte. Wunderbar dicht ist er, ohne dass er deswegen freilich unendlich komplex wäre. Eher ein sehr feiner Wein aus der Eleganzabteilung als ein Blockbuster. Viel Kakao und Kaffee im Anklang. Wie in der Nase gilt auch am Gaumen, dass der Wein mit mehr Luft immer voller und offener wird und seine Aromen immer präziser herausstellt. Wie wenn einer ein Schaufenster dekoriert – erst ganz am Schluss wird das Gesamtwerk richtig ersichtlich.

Die ärztlich verschriebene Stunde in der Karaffe braucht er mindestens. Eher zwei, würde ich meinen. Dann gewinnt er richtig an jener Statur, die auch als Körper bekannt ist. Fast wirkt er jetzt nicht mehr wie der elegante Leichtfuß, als der er mir am Anfang noch durchging, sondern eher wie ein weicher, runder, süffiger Charmebolzen, der lässig in der Klasse ab Mittelgewicht aufwärts boxen kann. Bis zum letzten Tropfen bleibt er dabei seiner Aromenstruktur treu, Kaffee und Kakao im Vordergrund, dahinter eine etwas kirschige Frucht und drunter ein Fundament von feiner, leicht granitiger, ja fast ein weniger salziger Mineralität. Die Tannine bleiben recht präsent, aber sehr reif und feinkörnig, der Wein wird die nächsten fünf, sechs Jahre sicher noch ein Spürchen weiter zulegen. Obwohl das Gut am Rande von Pauillac liegt bleibe ich dabei, vom Stil her ists eher ein Margaux.

88 von 100 Willipunkten, ein idealtypischer Cru Bourgeois von beachtlichem Format aus einem Riesenjahr. Ein Wein zudem, an dem man ablesen kann, welches Alterungspotenzial sogar die vermeintlich kleinen Bordeaux haben können. Ein Wein auch ein wenig gegen den Trend der großen Häuser, ihre Weine immer früher genussreif werden zu lassen.

Muss ich noch erwähnen, dass ich am nächsten Tag den Restbestand des Händlers meines kaum noch überbietbaren Vertrauens aufgekauft habe? Und gleich noch ein paar 2005er dazu – man will ja auch in zehn Jahren noch einen guten Ramage la Batisse trinken.
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