Dienstag, 26. April 2016

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 23 Restaurant "Überfahrt"




Wenn es dem Igel zu wohl wird, geht er auf Reisen. Sind ja nur neun Stunden Flug bis Peking. Bei der Landung wurde ich gleich von wunderbarstem chinesischem Nebel umfangen. Und dankte der guten Grundausbildung, die ich bei der China-Reise 2008 von der Reiseleiterin Frau Li erhalten hatte. Sonst hätte ich den Nebel glatt für Smog gehalten. Doch Frau Li hatte mir erklärt, dass das, was so täuschend echt wie braun-grauer Smog aussehe, in Chine grundsätzlich Nebel und damit ein ganz natürliches Phänomen sei, selbst wenn gar keine Gewässer in der Nähe seien, von denen Nebel hätte aufsteigen können. Aha! Dummerweise scheinen die Chinesen in den letzten acht Jahren komplett verblödet zu sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum im Flugzeug von Air China bei jeder einzelnen Turbulenz immer wieder durchgesagt werden musste, dass das eine Turbulenz sei und man sich nun wieder auf seinen Platz zu begeben habe, weil die Anschnallzeichen erleuchtet seien. Was spricht eigentlich dagegen, beim ersten Mal gleich mit durchzugeben, dass das für alle weiteren Fälle von Turbulenzen während des Fluges weiterhin Gültigkeit habe? Es sei denn, die Gelbhäute hätten das Gedächtnis einer Stubenfliege und bräuchten alle fünf bis zehn Minuten eine intellektuelle Auffrischungsimpfung. Dann isses ja gut, dass sie nicht selbst fliegen können, sondern dazu eine Boeing brauchen, sonst würden sie wahrscheinlich alle zwei Sekunden mit dem Schädel gegen das Wohnzimmerfenster donnern.

In die gleiche Richtung geht der sicherlich wertvolle, in seinem Informationsgehalt jedoch eher übersichtliche Hinweis, der am Flughafen Peking am Ende eines jeden Laufbandes von einer quietschigen Computerstimme übermittelt wird - dass nämlich das Laufband nun gleich zuende sei. Entweder gibt es hier einen überproportional hohen Anteil von Blinden oder einen extrem überproportional hohen Anteil von Bematschten. Dass Letzteres die wahrscheinlichere Lösung ist, belegt eine Aufzugfahrt. An jedem einzelnen Aufzug ist ein Schild angebracht, dass man sich die Finger klemmen könne, wenn man sie zwischen die sich schließenden Aufzugtüren brächte. Da dieses Schild nicht in Braille gedruckt ist, muss die fürchterliche Schlussfolgerung gezogen werden, dass es sich nicht um einen Hinweis für Blinde handelt, die nicht sehen können, dass da eine Tür ist, sondern dass die durchschnittliche Intelligenz von Chinesen es schlicht nicht erlaubt, diese extreme Gefahr ohne fremdes Zutun zu erkennen. Auch wird hier die Stubenfliegenvermutung erhärtet, denn wer sich das vom ersten bis zum zweiten Aufzug nicht merken kann, dürfte ein Gedächtnis haben wie mehrere Siebe. Oder gibt es in China Aufzüge, bei denen es aus unerfindlichen Gründen nicht möglich ist, sich die Finger zu klemmen? So dass nur bei den anderen auf die drohende Gefahr hingewiesen werden muss? Und der durchschnittliche Chinese sich beim Betreten des Aufzugs erst einmal informiert, ob dies einer mit Klemmmöglichkeit sei oder nicht?


Zurück zum Laufband. Hier ist nicht einmal klar erkennbar, welch grausames Ungemach demjenigen droht, der das Ende des Laufbands weder sieht noch davon durch computerisierte Unterrichtung erfährt. Eventuell würde er, das hängt jetzt wieder von der individuellen Intelligenz ab, ein deutliches Absinken der Reisegeschwindigkeit wahrnehmen. Auf das dann durch eigenständiges Laufen souverän reagiert werden könnte. Sollte diese Erkenntnis nicht gelingen, wären Auffahrunfälle auf den am Ende des Laufbandes Festgefrorenen die wahrscheinliche Folge. Die wiederum zu einer erfreulichen Neubelebung des Reisetempos führen könnten, etwa im Sinne des Managerspiels, wo die auf die Kugelreihe am einen Ende aufprallende Kugel ihre kinetische Energie durch die gesamte Kugelreihe hindurch an die letzte Kugel weitergibt die dann im hohen Bogen davonfliegt. Und um Flugreisen gehts doch am Airport, oder?



gefährliche Rolltreppe - please take care of the children away from the step edge!

Also Hut ab vor dem chinesischen Impetus, sich auf den langen und steinigen Weg zu begeben, die Bevölkerung vor allen denkbaren Lebensrisiken zu warnen, bis man vor lauter Warnhinweisen keinen einzigen davon mehr wahrnehmen kann. In dieser Disziplin sind die Chinesen mit lässiger Eleganz am Amerikaner vorbeigezogen und lassen uns in gleicher Marschrichtung aufgebrochene Deutsche nur noch aus der Ferne den Staub ihrer Füße auf dem langen Marsch zur Perfektion erahnen - wobei sie uns wahrscheinlich versicherten, es handle sich nicht um den in China prinzipiell nicht vorkommenden Staub, sondern um ganz natürlich auftretenden Nebel.


Wertvollere Informationen, wie etwa diejenige, von welchem der zahlreichen Terminals des Flughafens Peking welche Anschlussflüge abgehen, werden hingegen als geheime Kommandosache behandelt. Man erhält diese weltexklusiv nur am jeweiligen Terminal. Wenn man wie ich drei Stunden Umsteigezeit hat, ist es weniger problematisch, die Terminals der Reihe nach abzuklappern und dann irgendwann Glück zu haben. Wer in Eile ist, dürfte sich im Zweifel nicht besonders gut beraten fühlen. Gäbe es in China nicht per definitionem weder Staub noch Sand, könnte man den Flughafen für eine Servicewüste halten. Zumal das Problem noch dadurch verschärft wird, dass der Shuttlezug zwischen den Terminals nicht an allen Terminals hält, so dass manche entweder gar nicht oder nur auf noch geheimeren Wegen erreichbar sein dürften.


Irgendwie gelang es mir dann aber doch noch die richtigen Anschlussflieger zu bekommen und in Nanjing zu landen. Ich kann mich nicht ganz entscheiden, ob das dort die redensartlichen wolkenbruchartigen Regenfälle oder nicht vielleicht regenfallartige Wolkenbrüche sind. Jedenfalls ist das vom Himmel fallende Wasser braun. Was sicher nichts mit etwaigem Smog zu tun hat, sondern wahrscheinlich nur eine optische Täuschung ist.

A propos braun. Ich wusste gar nicht, dass es so wie Rauchglas auch Rauchplexiglas gibt. Und doch war die Plexiglasscheibe, die meinen Taxifahrer von den Fahrgästen trennte, tiefdunkelbraun. Erst nach einer Weile merkte ich, dass das Plexiglas gar nicht ab Werk eingefärbt war, sondern von einer über die Jahre liebevoll akkumulierten Schmutzschicht bedeckt war. Gemerkt habe ich das, als der Fahrer seine Scheibe herunterkurbelte. Er hatte einen geräuschvoll von tief unten zwischen Milz und Nieren heraufgerotzten Schleimbrocken sorgfältig in ein Taschentuch gespuckt und warf das Ganze nun auf die Straße. Was zugleich einem nicht unbeträchtlichen Teil der regenfallartigen Wolkenbrüche gestattete, für eine angemessene Befeuchtung des Wageninneren zu sorgen. Und dabei auch ein wenig Schmutz vom vermeintlichen Rauchplexiglas abzuwaschen. Diese Prozedur wiederholte sich nun etwa im Minutentakt, so dass schon bald eine ansehnliche Seenlandschaft im Fußraum entstand. Na ja, wahrscheinlich ist es besser im eigenen Taxi zu ertrinken als in der eigenen Rotze abzutauchen und zu ersticken - was passiert wäre, wenn der Fahrer in guter chinesischer Tradition auf den Boden gerotzt hätte.

Am Hotel angekommen, setzte der Fahrer den Quittungsdrucker in Gang, nur um vom Portier zu erfahren, dass der Igel in einem anderen Gebäude auf der weitläufigen Anlage untergebracht sei und das Taxi mich noch etwa zwei Kilometer zu fahren habe. Das wollte dem Mann nun gar nicht in den Kopf und er fing an, ausnahmsweise einmal nicht Rotze, sondern Gift und Galle zu spucken. Die Diskussion, ob er denn nun nach Abstellen des Taxameters noch zwei Kilometer fahren solle, dauerte am Ende deutlich länger als die eigentliche Weiterfahrt. In Amerika hätten die sich wahrscheinlich geschossen...

Dann feierliches Abendessen. Als Ehrengast hatte ich das eher zweifelhafte Vergnügen, am VIP-Tisch zu sitzen, fast ausschließlich zwischen Chinesen. Die sich lautstark auf Chinesisch unterhielten. Der eine hatte zwar einen Dolmetscher dabei, der übersetzte mir aber nur das aus dem Chinesischen in den Trümmerbruch unter allen gebrochenen Englischvarianten, die mir je begegnet sind, was sein Boss direkt an mich richtete.

Das chinesische Menü läuft dabei so ab, dass die Gänge der Reihe nach aufgefahren werden, in recht flotter Folge. Wer zu langsam is(s)t, dem stellt die Kellnerin den nächsten Teller mit vorwurfsvollem Blick neben den noch nicht geleerten vorherigen Teller. Dabei ist es gar nicht so leicht, etwas vom Teller zu essen, da die chinesische Tradition ferner vorsieht, dass jeder mit jedem trinkt. Was wiederum so abläuft, dass einer aufsteht, um den halben Zwölfertisch herum zu Dir trabt, dann musst Du auch aufstehen, dann macht er einen Spruch, Du musst auch einen machen, vielleicht macht er auch noch einen, dann machst Du wieder einen, dann wird getrunken, Rotwein, natürlich auf ex (bottom up!) und dann setzt Du Dich, hast gerade die Stäbchen in der Hand, da steht schon der nächste Chinese zum Austausch von Trinksprüchen hinter Dir und der dritte unangetastete Speisenteller vor Dir. Wobei man kulinarisch nicht viel verpasst. Vieles wird in Sojasauce serviert, die meiner Meinung nach besser "so nicht"-Sauce hieße, da sie trefflich alle anderen Aromen tötet. Selbst Jakobsmuscheln dringen dagegen nicht mehr durch, wobei deren Konsistenz eher auf eine frühere Karriere als Eishockeypuck schließen ließe, denn auf Essbares. Ansonsten auf dem Menü: Dünnpfiff süß-sauer, Soja in so nicht-Sauce, Reisbällchen, die jeden Superkleber vor Neid erblassen ließen und allerlei Zeug, das erklärt, warum Staphylokokken auch "Stäbchen"-Bakterien heißen.

Da versteht man da auch die auf ex-Trinkerei. Das desinfiziert. Wobei das gar nicht so dramatisch ist. Denn die Kellner gießen nur minimale Schlucke ein, der Rest kommt in ein vielleicht 0,15l fassendes Krüglein neben dem Glas, aus dem man sich immer wieder kleine auf ex-Schlucke nachgießen kann. So dass "auf ex" eigentlich immer nur ein Schlückchen ist. Wenn nur Leute aus Peking am Tisch sitzen. Wir hatten nun allerdings das Glück, auch ein paar Typen aus der örtlichen Nanjing-Dependance dabei zu haben. Die grinsen einen über alle vier Backen an, leeren sich selbst ihr komplettes Krüglein ins Glas, tun das gleiche mit Deinem Krüglein in Dein Glas und heißen die Kellnerin, so lange weiter aufzufüllen, wie es die Wasserstoffbrückenbildung eben so zulässt. Dann rufen sie mit einem den Begriff "Mut zu Lücke" ganz neu definierenden zahnarmen Lächeln "bottom up" und hauen sich die Plempe rein wie ein FDP-Politiker beim Frühstück. Und erwarten, dass Du mitmachst.

Irgendwann war mein Nachbar so stramm, dass er nicht mehr wusste, dass er kein Englisch spricht. Und dann redete er in zerbrochenem Englisch auf mich ein. Was den Dolmetscher nicht davon abhielt, das dennoch weiter ins gebrochene Englisch zu transponieren. Ann now I dlink with secletally off boss. Hel name Hu Jian, mean chelly blossom." Sprachs und machte sich auf, aus der Kirschblüte eine Kirschwasserblüte zu machen. Kurz bevor sich alle Chinesen unter dem Tisch trafen, floh ich zur Sichelheit in meine Gemächer.



Sichel doch! Der Chinese will doch nur spielen!

Auf dem Rückflug war es auch nicht besser. Warnhinweis, man solle sich anschnallen. Drei Minuten später nächster Warnhinweis, man solle sich jetzt wirklich anschnallen, die Maschine werde gleich starten. Drei Minuten später wieder ein Warnhinweis, man solle besser angeschnallt bleibe, die Maschine sei jetzt in der Luft (wie schlecht sind deren Piloten denn eigentlich so?). Dann ein Warnhinweis, es könne sein, dass für die nächsten 15 Minuten keine Warnhinweise über das Anschnallen mehr durchgesagt werden, man solle sich deswegen keine Sorgen machen. Habe ich etwas verpasst? Zum Beispiel, dass Warnhinweisen olympische Disziplin wird. Und die trainieren einfach nur? Schlafen wollte ich sowieso nicht. Da hätte ich ja das herrliche Essen verpasst. Das auf jeden Fall gruseliger war als der Horrorfilm im Bordunterhaltungsprogramm.

Damit war klar: Kaum ist der Igel zurück in Europa, wird sich was gegönnt und vernünftig gegessen. Aus gegebenem Anlass! Zum Glück landete die Maschine in München, da hat man es nicht weit bis an den Tegernsee zur Überfahrt. Und dort wurde nicht über- sondern aufgefahren, wie es der Igel selten erlebt hat.