Freitag, 19. Juli 2013

Willis Hausbesuche Heute: Andre Ostertag




Weh-Weh-Weh Willis Hausbesuche

Heute: Andre Ostertag

„Der anschließende Eckstoß brachte nichts ein.“ Diesen Satz, früher fast ein Pflichtbestandteil jeder Bundesligareportage in der Sportschau, habe ich seit Jahren nicht mehr gehört. Wo ist er hin? Auf welche wundersame Art und Weise hat er den Schritt ins Obsolete gehen können? Diesen Schritt, der so vielen anderen Sätzen nicht gelungen ist, die ich viel lieber der Vergessenheit anvertraut hätte? „Bitte bleiben Sie so lange angeschnallt sitzen, bis das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hat“ zum Beispiel, einer dieser vielen Sätze aus dem über Jahrzehnte sorgsam immer weiter angereicherten Gängelungsmobiliar, mit dem Flughäfen und Fluggesellschaften die Flug“gäste“ traktieren.

Als Vielflieger habe ich den inzwischen in vierstelliger Häufigkeit gehört. Jede Woche, oft gleich mehrsprachig. Vom nichtseinbringenden Eckstoß dagegen ist nicht einmal mehr im Privatfernsehen zu hören. Auf den wurde früher immer dann hingewiesen, wenn ein sehenswerter und deswegen in den Zusammenschnitt des Ligaspiels aufgenommener Angriff zwar nicht zum Tor, wohl aber zum Eckstoß führte. Der dann aber, das kennt man von den Standardsituationen der Nationalmannschaft, quer über den Platz ins Seitenaus gedonnert wurde, insofern also nicht wirklich sehenswert und für den Zusammenschnitt nicht eligibel war.

Und heute? Wird der nichtseinbringende Eckstoß einfach weggelassen. Nicht gezeigt, nicht erwähnt, verschwiegen, unterschlagen, audiovisuell mit Füßen getreten, gerade wie der Ball selbst. Wie kommts? Ists Wertschätzung? Traut man der geneigten Seherschaft heute mehr Intelligenz zu? Dass die selbst drauf kommt. So nach dem Motto – „hmm, die zeigen den Eckstoß nicht, wird der wohl nix eingebracht haben.“ Kann eigentlich nicht sein, Zutrauen in die Bevölkerung entspräche nicht dem Zeitgeist. Einem Zeitgeist, der zum Beispiel dazu führt, dass die mir im Flugzeug doch tatsächlich dreimal die Woche erklären, dass Gegenstände, die man in die Fächer über den Sitzen gelegt hat, von dort wie durch Zauberhand auf meinen Schädel fallen können. Schwerkraft heißt dieses Phänomen angeblich. Verrückt! 

Alles muss man selber machen

Vielleicht ists aber auch umgekehrt und bedeutet das Weglassen des Hinweises auf die Nichtsnutzigkeit des Eckstoßes auch Geringschätzung des Publikums. Müssen wir dem Quotenvieh doch nicht groß erklären, was wir da tun! Wir senden einfach irgendwas, was der Praktikant nach dem Spiel zusammengeschustert hat, während der Reporter seine Finger schon ums Weißbierglas/in der Spielerfrau/am Kokaintütchen hatte und der Redakteur längst Bonusmeilen für seine Vielfickerkarte im Puff sammeln gegangen ist. Passt auch besser zur allgemeinen Zerfaserung der Kommunikation in dieser schnelllebigen Zeit. Infotainment, kurze Schlaglichter statt Substanz. Eigentlich könnten die Halbaffen im Privatfernsehen ihre Nachrichten auch rappen, yo man! So ist auch beim Fußball das Drumrum oft wichtiger geworden als die Substanz. Eignet sich Klopp trotz Kunstrasen auf der Denkmurmel besser zum Bundestrainer als der Typ mit der Löw-enmähne? Wie stehts im levantinischen Transferpoker von Lewandowski? Wann wird Spielerfrau zum Ausbildungsberuf?

Nein, ich will meinen alten Fußball wieder zurück. Wo in der Halbzeit keiner vor einem Touchscreenteil steht und imaginäre Laufwege (im Fall von Gomez vielleicht auch Laufstege) auf das Spielfeld kritzelt, um dann auch mit all diesem Mumpitz doch nicht erklären zu können, was nur durch Schicksal, Hexerei und Korruption erklärbar ist – dass man schon wieder gegen Italien verliert. Meinen alten Fußball, wo Spieler und Trainer noch die Meinung sagen dürfen, die ihnen gerade durch das dünnflüssige Fußballerhirn schwappt, ohne dass Staatskrisen herbeiskandalisiert werden. Meinen alten Fußball, wo es noch Eckstöße gibt, die nichts, aber auch gar nichts einbringen.

Man denke das nur einmal weiter, wieviel wir uns mit diesem Grundansatz des Hinweises auf Ergebnislosigkeit sparen könnten! Alle Jahre wieder wird doch zum Beispiel unermüdlich in allen Hauptnachrichtensitzungen berichtet, dass – offenbar völlig überraschend – auch in diesem Jahr die „Jecken“ an Weiberfastnacht wieder die Rathäuser gestürmt haben und das der Auftakt der Hochphase der „närrischen Zeit“ sei. Und dann geht es weiter, da wird über die immergleichen Rosenmontagsumzüge berichtet, über den immergleichen Fasching am Dienstag in München, über das Ende des Karnevals am Aschermittwoch. Alles Schwachsinn! Es hätte doch völlig gereicht, am Aschermittwoch einen Zusammenschnitt zu bringen: „Am Donnerstag haben die „Jecken“ die Rathäuser gestürmt, der anschließende Karneval/Fasching brachte nichts ein.“ Oder gleich: „Die anschließende Fastenzeit brachte nichts ein!“

Das geht auch statt des üblichen zweiminütigen Zusammenschnitts aus der Bundestagssitzung du jour mit dem üblichen an der Sache vorbeigehenden Operettentheater von Regierung und Opposition: „Die Kanzlerin gab heute eine Regierungserklärung zur Eurorettung ab, die anschließende Aussprache brachte nichts ein.“

Statt der üblichen jahrelangen Sozialspannerberichterstattung über das Leben irgendwelcher Royals: „Der britische Thronfolger feierte vor rund dreißig Jahren in der Abtei von Westmünster Hochzeit mit einer kuhäugige Kindergärtnerin, die anschließende Ehe brachte außer Blagen in Neonazikostümen und der Zerstörung eines Mercedes in einem Pariser Tunnel nichts ein.“

Nachrichtensendungen ließen sich beliebig verkürzen, vielleicht kämen wir auch mit einer pro Jahr aus. Weil man bei den meisten Dingen erst einmal das Ende abwarten würde, dann entscheiden könnte, ob es wirklich Berichtenswertes gab, und dieses ggf. sehr komprimiert vermitteln. „1998 übernahm Gerhard Schröder die Amtgeschäfte des Bundeskanzler. Die anschließenden sieben Jahre rot-grüne Koalition brachten nichts ein.“



Nach der großartigen Probe mit den Gierschlünden bei Paul Blanck, über die ich hier vor einiger Zeit berichtet hatte, täte man sich natürlich leicht, den Rest der Elsassreise in gleicher Weise abzutun. Nach Blanck konnte es ja eigentlich keine Steigerung mehr geben, auch nicht wirklich viel Vergleichbares. Also ein Fall für den Satz „Die anschließenden Verkostungen brachten nichts ein“?

Nein, weit gefehlt. Die Verkostung bei Andre Ostertag zum Beispiel, die brachte etwas ein! Und wie! Sechs exzellente Weine wurden uns in Epfig vorgesetzt.

Zum Beispiel der Muscat 2011, aus Muskat-Ottonel gekeltert, langsam gepresst, bis zu neun Stunden Zeit nehmen sich die Ostertags dafür. Sehr fruchtbetonte Nase, dazu ein dezenter Hauch von Rosenblättern! Am Gaumen erst ein klein wenig zurückhaltend im Anklang, dahinter dann fast schon gewürztraminerige Blütenaromen, deutlich floraler, ja fast „parfümierter“ als in der Nase, aber nicht penetrant. Leicht ölig, das geht, obwohl trocken ausgebaut, schon deutlich in Richtung Aperitifwein. Erstaunliche Länge für einen vorne so leichten, fast verhaltenen Tropfen. Mit mehr Luft wird dann auch der Anklang vielschichtiger, nun zeigt er auch die apfelige Frucht aus der Nase. Insgesamt bleibt das aber eher auf der eleganten Schiene, gerade richtig schlank, um nicht ins Breite, Ölige abzugleiten. 86 von 100 Willipunkten.

Zweiter Akt: Riesling Fronholz aus 2011. Der Fronholz ist ein Weinberg direkt hinter Epfig, Exposition nach Südwesten, Sonne kriegt er also genug. Die Böden sind sandig mit ein wenig Quarz, was den Weinen eine nur dezente, eher salzige Mineralität verleiht.

Der 2011er füllt die Nase schon ganz prächtig, zitronige Frucht, ein wenig bienenwachsige Verschlossenheit ist auch noch da, der wird erst noch richtig kommen, klarer Fall. Mit mehr Luft kommt dann auch die feine mineralische Spitze, die einen guten Fronholz auszeichnet. Am Gaumen, herrjeh, das ist ja fast schon zu lecker. Die Gefälligkeitspolizei an der Route Nationale nach Andlau hält schon die Kelle raus und winkt das Ding zur Alkoholkontrolle, auch weil man die 13,5 Volumenprozente organoleptisch gar nicht wahrnimmt und den Wein eher für leichter hielte. Mit 5,5 Gramm Restzucker ist er analytisch trocken ausgebaut, auch ohne den Zuckerschwanz unterwegs, der früher hinter manchem auch hochklassigen Elsässer herwehte wie der Fuchsschwanz hinter dem Ford Capri. Und trotzdem geht er wegen seiner sehr niedrigen Säure auch ohne Carte d´Identité bei der Grenzkontrolle sofort als klassisch-elsässischer Tropfen durch. Zitrusfruchtig, leicht muskatige Würze und dann im Abgang die salzige Mineralität, für die das Terroir steht. Ein beeindruckender Wein, der eine Punktlandung auf glatte 90 von 100 Willipunkten hinlegt.

Wie groß die Unterschiede zwischen Lagen sein können, merkt man wieder einmal, wenn man den Heissenberg daneben stellt. Nomen est omen, das ist eine Lage, die windgeschützt im Schlagschatten der Vogesen liegt und dementsprechend die Wärme des Oberrheintals in ihrem Sandsteinboden geradezu sammelt. Um sie dann an die tiefwurzelnden Rieslingreben weiter zu reichen, die das Ganze in einen irre mineralischen, vollen Wein umwandeln. So auch im Jahrgang 2011, der in der Nase - wie würde es eine Speisekarte formulieren? - ein Duo von zitroniger Frucht und steiniger Mineralik auftreten lässt. Verführerisch, der streichelt die Rezeptoren fast. Am Gaumen legt er noch eins drauf, ungemein voll, viel salzige Mineralität, opulente Frucht, eine feine Aprikose, nicht ganz roh, eher so leicht weichgedünstet und noch mit einem Schuss Likör angemacht. Viiiel Druck, tolle Länge und auch im Abgang ungemein voll! Prima Wein, objektiv ungefähr auf der Höhe des Fronholz, daher ebenfalls mit 90 von 100 Willipunkten versehen, insgeheim aber mein Favorit, deshalb gibt’s einen halben mentalen Punkt zusätzlich!

Einen Riesling gab es noch, diesmal aus dem Muenchberg, der Paradelage der Ostertags. Eine Steillage mit satter Südexposition, viel Sandstein und etwas Vulkanboden, seit dem 12. Jahrhundert lässt sich für diese Parzelle Weinanbau nachweisen, da muss sich das wohl irgendwie bewährt haben. Tolle Rieslingnase, mit genau der feinen Mineralik unterwegs, die auch die Vorgänger ausgezeichnet hat, auch mit der feinen Zitrone, daneben trägt er aber noch einen großen Korb vollreife Tropenfrüchte mitten in den Riechkolben, Ananas und Mango! Die finden sich auch am Gaumen wieder, in einer großartigen Fülle. Was für ein Pfund Wein das ist, mit viel Charme im Anklang, schön balanciert, 7 Gramm Restzucker stehen 6 Gramm Säure gegenüber, das passt genau. Dicht gewebt, ungemein saftig und gleichzeitig mit mineralischer Tiefe. Länger als die Staus rund um Saint-Tropez im August und ebenso sonnig wie die tropezische Küste, viel Druck, ein richtig großer Wein! 93 bis 94 von 100 Willipunkten. Und das war der 2011er, der 2010er soll noch besser sein. Wie gut, dass ich von dem dieser Tage noch nachkaufen konnte. Bericht folgt demnächst in diesem Theater!

Wie das so ist, wenn einer richtig gut unterwegs ist, dann schmeckt bei dem sogar der Pinot Gris. Dessen Stöcke haben die Ostertags auf den Zellberg gestellt, noch so ein Weinberg mit voller Südexposition, allerdings mit schwereren, erdigeren Böden als der Muenchberg, im Zellberg findet man eher Ton und etwas Kalk als Sandstein.

Aktuell war der 2010er im Angebot, den haben diese Wahnsinnsbraten doch tatsächlich in Barriques gesteckt, mit etwa 20 Prozent Erstbelegung. Und das mir, der ich Holz im Weißwein doch eher für einen Weinfehler als für wünschenswert halte. Immerhin war die Nase nur ganz leicht holzbetont im Anklang, dahinter stand dann sofort die stramme Pinotfrucht, leicht parfümiert aber opulent und vielschichtig, auch ein ganz klein wenig kräutrige Würze war mit im Topf. Am Gaumen kraftvoller Anklang, das Holz ist praktisch nicht wahrnehmbar, im Gegenteil, der Wein wirkt ungemein frisch und fruchtbetont. Auch die 14,5 Prozent Alkohol spürt man nicht und um die 11 Gramm Restzucker zu schmecken, muss man die Papillen schon gewaltig anstrengen, die Mineralität fängt das ab. Dicht und ausladend, nur im Abgang verschlankt er sich ein klein wenig. 91 von 100 Willipunkten.

Zum guten Ende probierten wir dann noch einen Gewurztraminer aus dem Fronholz. Das Lesegut war zu etwa 50 Prozent mit Botrytis unterwegs, erklärten uns die Ostertags. Und das roch man auch, das war alles andere als der übliche parfümierte Traminer. Die Rebsortentöne spielten hier friedlich mit den Botrytisnoten, voll, sehr harmonisch und nur ganz leicht floral anmutend. Am Gaumen steht dann prompt auch die Frucht im Mittelpunkt, Grapefruit, etwas Orange, dazu der Honig der Botrytis. Ein faszinierender Tropfen, unfassbar lang und voll und fast völlig ohne diese seifigen Noten jener restsüßen Gewürztraminer unterwegs, die die Welt zwar nicht braucht, doch dessen ungeachtet in großen Quantitäten herstellt. Ein großer Wein 93 von 100 Willipunkten.

Das anschließende Mineralwasser brachte nichts ein…

Thomas Lamoyer führte und durch die Probe, ganz schön zutraulich, der Mann.

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