Freitag, 20. Juli 2012

1999er Ornellaia, Bolgheri





Weh-Weh-Weh Willis Wein Werkstatt
Heute auf der Hebebühne: 1999er Ornellaia, Bolgheri


Aufmerksame Beobachter haben mit leicht kritischem Unterton festgestellt, dass in letzter Zeit relativ viele Italiener auf meine kleine Hebebühne gewuchtet worden sind. Ja, liebe Leute, das kennt man aber doch von den Italienern, das ist doch bei deren Autos auch so, dass die überdurchschnittlich oft in die Werkstatt müssen. Hier eine Schraube nachziehen, dort das aufgebrochene Türschloss ersetzen, da das Haargelfach kalfatern, an italienischen Schlitten ist immer etwas zu tun.

Italienische Produkte sind eben störungsanfällig. Deswegen habe ich im Juni auch eine große internationale Ornellaia-Rückrufaktion gestartet. Hat nicht wirklich funktioniert. Nur sehr wenige Flaschen sind mir in die Weinwerkstatt eingeschickt worden. Eigentlich nur dieser 1999er. Ich bin dann gleich in meinen Overall geschlüpft, habe ihn aufgebockt und die große Inspektion begonnen:

Was für eine schokoladige Nase, viel röstige Kakaobohnen! Dazu kommt jede Menge Kaffee, das ist fast schon ein Margauxnäschen, und der lebt nach all den Jahren auf den ersten Schnupperer noch immer ein wenig vom Fass und vom Toasting, ganz erstaunlich. Mit etwas mehr Luft gesellt sich eine geniale Mineralität hinzu, das riecht plötzlich vor allem schiefrig-teerig. Dazu ein ganz leicht floraler Hauch, so in Richtung Veilchen, das bleibt aber wirklich nur ein pointillistischer Tupfer im Gesamtkunstwerk.

Am Gaumen schon im Anklang etwas Tabak, schöne Mineralität, noch ziemlich verschlossen. Deutliche, aber sehr feinkörnige, mürbe Tannine. Ein Hauch angebratener Rosmarin, fast schon Rosmarinöl, auch das sind aber alles nur Momentaufnahmen, der Wein wandelt sich gerade am Anfang rasend schnell. Nach zwei, drei Minuten drängt sich das Mineralische mit einer gewissen Brutalität in den Vordergrund. Und hinten heraus nimmt der Druck immer noch weiter zu. Wahnsinnig dicht, sehr, sehr komplex und tiiiief, mit vier „i“. Fast hätte ich sogar ein fünftes mit reingetippt und damit mein Rechtschreibprogramm in den Selbstmord getrieben. Saftig, auch wenn die Frucht sich erst einmal noch heftig hinter dem Tannin versteckt. Schon nach zehn Minuten wird es grandios, weil die Mineralität die Frucht nun endlich ins Rampenlicht lässt. Und dann wird es sofort sehr schnell richtig rund.Betörende Fruchtsüße, die perfekt eingebunden ist in das Gerüst von Mineralität, Würze und typisch italienischer Säure. Pflaumig, schwarzkirschig, herrlich. Und: Man glaubt es kaum, der legt auch nach zwei Stunden noch immer zu, und zu, und zu…

95 von 100 Willipunkten. Inspektion ohne Beanstandung überstanden. Die Flasche kann bedenkenlos mit Chianti Classico wieder aufgefüllt und an den Einsender zurückgeschickt werden. Alle anderen Ornellaia-Inhaber, bitte unbedingt die noch in Euren Kellern verbliebenen Flaschen an Willis Weinwerkstatt schicken, die Rückrufaktion läuft weiter!
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