Samstag, 10. August 2013

Willis Hausbesuche Heute: Marcel Deiss




Weh-Weh-Weh Willis Hausbesuche

Heute: Marcel Deiss

Wenn das keine Adventszeit für die Sozialspannermedien ist. Wochenlange, ach was, gefühlt monatelange, wenn nicht jahrelange Berichterstattung darüber, wann die Frau Middleton endlich den Windsorknoten im Muttermund lösen und sich den royalen Braten aus der buckinghamschen Röhre schrauben werde. Obs gar einen Kaiserschnitt geben könne, wurde gemutmaßt. Was ein Unsinn, der Ableger wird mit der Geburt nicht Kaiser, der wird erst einmal nur Prinz. Und König wahrscheinlich erst nach dem Ableben der Urgroßmutter und der nachfolgenden Generationen, irgendwann um 2150 herum. Kaiser aber nie. Denn den gibt’s nur in Deutschland und dafür muss man Fußballer sein.
Weiß sowieso keiner, warum das alles wichtig sein soll. Was leisten die Royals schon – außer in Naziuniformen zu Partys oder an Tunnelpfeilern zugrunde zu gehen? Nein, hier geht es um etwas ganz anderes. Die Yellow Press versucht immer wieder – und das gar nicht so unerfolgreich – Lady Di und Lady Gaga und andere intellektuelle Flachbildschirme so geschickt zu Identifikationsfiguren hoch zu stilisieren, dass diese Prominenten als Projektionsflächen für Durchschnittsversager nutzbar werden. Wenn das eigene Leben schon nichts zu bieten hat, dann muss man sich eben mit dem Leben Dritter befassen, sei es als Blockwart, sei es als Fan. Dem Adelspack sei die daraus resultierende nervtötende Vollzeitbelagerung durch die Mediennutten übrigens durchaus von Herzen gegönnt, schließlich verzehren die Von und Zus in der Regel steuerfinanzierte Apanagen bzw. das aus solchen Apanagen zusammenschmarotzte „Privat“vermögen. Da darf als kleine Entschädigung der Dauerauftritt als Pausenclown in den traurigen Existenzen von Buntelesern schon gefordert werden.
Das Schlimme ist nur, dass auch die öffentlich-verächtlichen Sender es offenbar als Teil des Grundversorgungsauftrags verstehen, uns über den Fortgang der royalen Presswehen unterrichtet zu halten. Wer dem entgehen wollte, hatte nur noch eine audiovisuelle Zuflucht, Eurosport. Da lief zwar auch nur Frauenfußball, aber normalerweise gebären die wenigstens nicht mitten im Spiel im Mittelkreis…
Einige Leichtgläubige waren nun tatsächlich der Meinung, die nervtötende Beballerung mit Nachrichten vom Windsor-Winzling könne mit dessen Entlassung aus der Gebärmutter der Herzogin von Cambridge abgeschlossen sein. Weit gefehlt, nun geht es in die zweite Runde. Das erste Foto muss gezeigt, die Hebamme interviewt und natürlich tagelang darüber spekuliert werden, welchen Vornamen der neueste Zuwachs des Insel-Adelsgeschmeiß wohl tragen könne. Und da wird’s interessant! Ach was, nein, interessant ist natürlich nichts von dem, was sich bei den Nichtsnutzen von Buckingham abspielt. Aber, sagen wir, es gab ein Zusammentreffen von Ereignissen, dessen Zufälligkeit ich zunächst einmal bestreiten möchte. In einer kleinen Unterbrechung der royalen Uterusbelagerung sendete die ARD doch tatsächlich den Film „George“. In dem sich Götz George wieder einmal vergeblich bemühte, etwas anderes als sich selbst darzustellen, diesmal seinen Vater Heinrich. Der gute Götz kann aber leider nur den einen Tonfall, nur die eine Sprechmelodie. So war dann auch der Heinrich George im ARD-Film nicht George, sondern Götz, also eine Art Weimar-Schimanski. Aber, und darauf will ich eigentlich hinaus, mitten in dem Film schalte ich in den Videotext und sehe da: „Windsorbaby wird ein George“. Wie ist das denn jetzt zu verstehen? Soll der Götz auch den kleinen Prinzen spielen? So dass die Inselaffen eine Art Miniaturschimanski als drittnächsten König kriegen, mit glucksendem Lachen, stammelnder Nuschelsprechweise und mantafahreresker Rotzbremse unter dem royalen Gesichtserker? Man stelle sich die erste Regierungserklärung vor: „Nee, Du, Mensch, das ist doch, das ist doch (glucksendes Lachen), das kann doch nicht, kann doch nicht, also, Du, Mensch, nee, also Scheiße!“ Ganz ehrlich, den Goldblattlesern und Galakonsumenten würde ich es schon gönnen.
Hmm, tja, nun weiß ich gar nicht, ob ich in dieser angespannten Mediensituation überhaupt über den dritten Weingutsbesuch der Gierschlünde im Elsass berichten darf, zumal da garantiert keine britischen Säuglinge drin vorkommen. Immerhin ging es aber zu einem der Blaublüter der elsässischen Weinszene. Weinadel also, vielleicht wird der Scheff das gelten lassen und den Beitrag auf seinen Blogg durchwinken. Weineinkauf ist ja auch Grundversorgung, also bin ich da fast im öffentlich-rechtlichen Bereich unterwegs.
Wir waren diesmal bei den Deissens. Das sind die Typen mit dem gemischten Satz. Nicht wie bei Georges Götz, dass viele „Mensch“ und „Du“ in die ansonsten architektonisch sauber aufgerissene grammatikalische Satzarchitektur zuwanderten. Auch nicht wie bei den Geissens, denen immer wieder mal ein „wieheißtet?“ in die ansonsten klare Folge von Subjekt, Prädikatswein und Sexobjekt rutscht. Bei den Deissens geht es vielmehr, Du, Mensch, wieheißtet, um das gemischte Setzen von Rebsorten im Weinberg. Riesling neben Grauburgunder, neben Weißburgunder, neben Auxerrois. Diese „complantation“ führt dann, so behaupten es jedenfalls die Deissens, dazu, dass die unterschiedlichen Sorten gegen alle Gewohnheit gleichzeitig reif werden. So dass es kaum mehr Lesedurchgänge als bei der Normalbestockung braucht. Natürlich kann man diesen Effekt auch noch fördern, etwa indem man frühreifere Rieslingklone und spätreifende Pinots pflanzt. Aber auch unabhängig davon, so erklärte man uns vor Ort, entwickle sich zwischen den Reben eine Beziehung, die für harmonische Reifeprozesse im Gleichschritt sorge. Klingt esoterisch, scheint aber ganz gut zu funktionieren, denn was ins Glas kam, war sehr überzeugend.
Allerdings fingen wir mit einem reinsortigen Tropfen an, dem Gutsriesling aus 2011. Eher verhaltene aber klassische Rieslingnase, zitrusfruchtig, etwas Pfirsich, Ananas, verhältnismäßig schlank aber klar und ansprechend. Am Gaumen ein schöner Trinkriesling, relativ niedriger Restzucker, sehr trockene Prägung, dabei wunderbar elegant und balanciert. Viel Pfirsich, mittelkräftige Substanz mit Tiefe und vor allem guter Länge. Im Abgang legt er eher noch zu und zeigt sich noch etwas voller als am Gaumen. 86 von 100 Willipunkten.
Dann der gemischte Satz aus dem Langenberg, einem granitiger Weinberg in voller Südexposition, etwas oberhalb von Ste.-Hippolyte. In den Jahrgang 2009 haben Riesling, Pinot Gris, Beurot, Muscat d´Alsace und Pinot Noir Eingang gefunden. Entsprechend mächtig und opulent duftet er, reife Apfelsine, kräutrige Würztöne, auch noch ein wenig wachsig, das kann noch eine ganze Weile reifen und zulegen, obwohl schon heute eine Macht. Am Gaumen stark auf der Kräuterseite, dazu bringt er eine kühle, holundrige Frucht hervor, zitronige Säure und einen zarten mineralischen Anklang. Schöne Fülle, die sich im Abgang allerdings etwas zu schnell verschlankt! Auch eine Spur alkoholisch. Organoleptisch bewegen wir uns hier im oberen Trocken, eine Spur elsässische Süße bringt der Langenberg schon mit, aber nicht zuviel. 87 von 100 Willipunkten.
Weiter ging es mit dem 2010er Engelgarten, komponiert aus Riesling, Pinot Gris, Beurot, Muscat d´Alsace und Pinot Noir. Der Engelgarten liegt mitten in Bergheim, ist nach Osten ausgerichtet, mit sehr kiesigem, kargem Boden, der die Reben dazu bringt, besonders tief zu wurzeln. Auch dieser Wein bringt die volle, opulente Nase mit, wie sie für complantations so typisch ist, etwas duftiger als der Langenberg, eher mit floralen Tönen, Blütenduft unterwegs als fruchtbetont. Am Gaumen wirkt er sehr rieslingartig, säurebetont, elegant, verspielt, bei weitem nicht so druckvoll und vielschichtig wie die Nase es verheißen hatte. Allerdings reifen die 2010er sehr langsam, da dürfte sich also voraussichtlich noch ein deutlich breiteres Spektrum an Aromen entwickeln. Schon im Glas ließ sich das ahnen, als nach einigen Minuten stärkere mineralische Komponenten schmeckbar wurden, an erster Stelle die feuersteinigen Töne, die für den Engelgarten typisch sind. Die Säure entspricht der Typizität des Jahrgangs 2010, mit anderen Worten, sie ist ausgesprochen kräftig. Im Elsass funktioniert das aber ganz generell und speziell auch bei Deiss besser als es in den meisten Anbaugebieten Deutschlands funktioniert hat. Das warme Klima im Schlagschatten der Vogesen hat der Säure entsprechende Extrakte gegenüber gestellt. Und weil die Säurewerte sonst am Oberrhein gerne mal etwas zu niedrig insbesondere für langlebige Rieslinge ausfallen, liegen sie in diesem Säurejahr eigentlich nur in den Bereichen, wie sie die Mosel in fast jedem Jahr aufweist. So hat der Engelgarten jede Menge Reifepotenzial und bekommt 87+ von 100 Willipunkten.
Vor allem aus Riesling und Pinot Gris setzte sich der vierte Wein der Probe zusammen, ein Rotenberg 2007. Gewachsen auf rotem Kalkstein und mit 30 bis 35 Gramm Restzucker ausgebaut. Das merkte man in der Nase sofort, die sogar einen leicht botrytischen Einschlag mitbrachte, ansonsten ein vor allem blumig-florales Gesicht zeigte, sehr voll und mit viel Charme unterwegs. Am Gaumen, klar, da ließ sich nicht wegdiskutieren, dass wir uns im oberen Halbtrocken bewegten. Was nicht so ganz harmonisch wirkt, wenn man wie dieser Wein vor allem auf der breiten, öligen Schiene des Grauburgunders unterwegs ist. Auch schien mir die Botrytis die Trinkigkeit etwas zu hemmen. Dennoch, das ist alles andere als schlecht! Melonige Frucht, großzügige Anlage, auch ein Hauch Kräuter ist dabei und eine kühle Mineralik im Untergeschoss, die allerdings von der Süße etwas zu sehr verkleistert wird. Irgendwie hinterlässt mich dieser Wein zwiespältig, den hätte ich gerne mal mit einem Restzucker in halber Höhe probiert. Dennoch auch hier 87 von 100 Willipunkten. Aber ohne Pluszeichen dahinter.
Es folgte der Schoffweg aus 2009, vor allem aus Riesling und Pinotsorten gekeltert, auf kalkigen Böden gewachsen und ein Jahr in burgundischer Eiche im kleinen Fass ausgebaut. Mit 10 Gramm Restzucker unterwegs. Eher schlanke, rieslingbetonte Nase, dazu etwas Bergamotte, insgesamt nicht sonderlich ausdrucksstark im Riechkolben. Am Gaumen dominiert der Alkohol zunächst recht deutlich. Es sind 14 Prozent zu verdauen, das schafft der Schoffweg nicht wirklich richtig gut. Dann kommen aber schöne Kräutertöne, wieder die Bergamotte. Viel Stoff, sehr mundfüllend, bis hin zur Gewalttätigkeit, das wird fast anstrengend. Gerade rechtzeitig kommt dann die Mineralität des Weges und lockert das Aromenbild wieder auf, macht zwei, drei verschnörkelte Ornamente dran und bietet Abwechslung. Hinten heraus durchaus druckvoll, geschmacklich aber verschwimmend. 86 von 100 Willipunkten.
Zu gleichen Teilen aus Riesling, Pinot Noir und Gewurztraminer setzte sich der nächste Wein zusammen, der Gruenspiel 2008, gekeltert aus einem Weinberg an der Straße zwischen Bergheim und Ribeauvillé, etwas oberhalb des Anwesens von André Kientzler. Kalkige Böden mit Schiefer und etwas Ton durchsetzt. In der Nase bringt der Gruenspiel erst einmal frischen, feuchten Tabak an den Start, dazu eine getrocknete Aprikose, Dörrpflaume, ja, man kann ganz allgemein sagen, confitierte und getrocknete Früchte. Mit mehr Luft entwickelt sich außerdem eine leicht kalkige Mineralität. Die schlägt auch als erstes am Gaumen an, mit ordentlich Wumms, da kehren sich die Kräfteverhältnisse aus der Nase einen Moment lang um. Ein Powerwein! Dann treten die Dörrfrüchte hinzu, den Gewürztraminer, den ich eigentlich im Verdacht hatte, dass er die anderen Reben dominieren, im wahrsten Sinne des Wortes einseifen würde, merkt man kaum, der steht dezent am Rande des Spielfelds und wirft immer wieder mal ein paar Rosenblätter auf die Zungenspitze. Die Säure des Rieslings fängt das aber gut auf, zumal der Riesling auch noch einen feinen, frischen Weinbergspfirsich in den Rosengarten stellt. Auch der Pinot bringt zusätzliche Frucht ins Spiel, insgesamt bringt das eine sehr gelungene Cuvée zusammen, die voll und lang am Gaumen steht. 88+ von 100 Willipunkten.
Was so alles an Rebsorten seinen Weg in den 2008er Burg gefunden haben mag? Es war weder zu schmecken, noch rückten die Deissens mit Detailinformationen heraus. „Alle Rebsorten des Elsass“ seien drin – und da käme, sollte das stimmen, ja wirklich einiges zusammen. Entsprechend kräftig wirkt die Nase, eher auf der floralen Seite, durchaus burgundisch unterwegs, wenngleich leider etwas breitelnd. Am Gaumen kommt er dann deutlich feiner an, das überrascht positiv. Prägnanter Botrytiston, aber nicht erschlagend. Viel Stoff, schöne Balance von Süße und Säure. Die 50 Gramm Restzucker packt dieser Wein sehr gut weg, scheint sie fast zu brauchen, weil da auch ein Pfund Säure und jede Menge Extrakt mit im Spiel sind. Für seine Fülle wirkt er erstaunlich elegant. Und wunderbar lang ist er sowieso, mit prachtvollen Nuss/Rosinen-Tönen im Abgang. Ein Gedicht! 91 von 100 Willipunkten.
Der 2008er Huebuhl, der als nächstes an die Reihe kam, war dann fast wieder ein reinsortiger Tropfen, immerhin 95 Prozent Pinot Gris sind in der Flasche, dazu etwas Weißburgunder und ein Spürchen weißgepresster Pinot Noir. Der Huebuhl, so wurde uns erläutert, sei eigentlich keine Lage, dafür seien Böden und Expositionen zu heterogen, die eigene Lagenbezeichnung rechtfertige sich eher durch das einheitliche Mikroklima, das in einer besonders geschützen Mulde außergewöhnlich hohe Temperaturen verzeichne. Der 2008er habe ordentlich Botrytis abbekommen, was ihm immerhin 65 Gramm Restzucker eingebracht habe.
Ja, die lässt sich tatsächlich ohne weiteres herausschnuppern, die Botrytis. Leider hat sie auch ein sauterneskes Lösungmitteltönchen im Gepäck. Aber ich will nicht meckern, das ist nur eine Fußnote, die sich mit Luft auch schnell verflüchtigt. Ansonsten wirkt die Nase außerordentlich kräftig und voll. Am Gaumen dominieren zwei Elemente, die Botrytis und das Aromenspektrum des Grauburgunders, der hier eine leicht eingelegte/getrocknete Orange in den Vordergrund schiebt. Was ein Pfund Wein, das ist richtig kräftig, schön dicht, tiefgründig. Süße und Säure sind perfekt balanciert, die Botrytis stiehlt dem Rest des Weines nicht die Schau, das bleibt sehr lang und dabei ungemein voll. Toller Wein! Sage ich als jemand, der kein Mitglied des eingetragenen Vereins der Grauburgunderfreunde ist. 93 von 100 Willipunkten.
Den Mambourg 2009 übergehe ich hier lieber, der wird in neue Barriques gefüllt und schmeckt und riecht einfach nur nach zuviel Holz. Wenn schon Holz, dann bitte besser dosieren. So ists ein Weinfehler.
Also weiter zum 2009er Schoenenbourg. Der mir schon deswegen sehr entgegenkommt, weil er zu 95 Prozent aus der einzig wahren weißen Rebsorte besteht, dem Riesling! Botrytis hat auch an Bord, vor allem in der Nase, da ist das ein ganzer Bienenstock voll Honig, dazu mandelige Noten und ein Korb Dörrobst. Ja, ich will es nicht verheimlichen, auch hier habe ich das sauterneske Haucherl Lösungsmittel gefunden, aber nur weil ich danach gesucht habe. Und dann verlor es sich auch gleich wieder, mit Luft geht das weg. Und am Gaumen, Überraschung, da spielt die Botrytis gar keine so große Rolle, da zeigt sich der Schoenenbourg richtig elegant, eher floral, mit Lindenblüten, auch etwas studentenfuttriger Nuss. Das Ganze fein, verspielt, wunderbar balanciert. Man könnte ihn ohne Weiteres für leichter halten als er ist, aber am langen und tiefgründigen Abgang spätestens wird jeder merken, was für ein wuchtiger Wein das in Wahrheit ist. Riesenpotenzial, wenngleich man ja bei Botrytis nie so genau weiß, wohin sich das entwickelt. Insofern würde und werde ich bald mal drangehen. Denn der wanderte natürlich in den Kofferraum, mitsamt seinen 93+ von 100 Willipunkten. 59 Euro die Flasche, nicht geschenkt, aber auch nicht überteuert.
Wieder aus 2008 dann der Altenberg Grand Cru. Den dominiert rechnerisch der Pinot Noir, der rund die Hälfte der complantation umfasst, dazu gesellen sich zu etwa gleichen Teilen Riesling und Gewürztraminer. Kalksteiniger Boden, beste Südexposition, dennoch war der Altenberg bis 2004 kein Grand Cru, auch weil man vom Großen Gewächs erwartet, dass dort kein Mischsatz draufgestellt wird, sonst wäre es technisch ein Edelzwicker Grand Cru und das geht ja nun wirklich nicht. Erst 2004 hatte man dann mit Blick auf die hohe Qualität dieses Weines ein Einsehen und erlaubte die Bezeichnung als Großes Gewächs.
Dass dieser Altenberg nur ein Viertel Gewürztraminer beinhaltet, na, ich wäre nicht darauf gekommen. Die Nase besteht eigentlich nur aus Traminer und Botrytis – und von beidem nicht zu knapp. Wie mit einer Keule prügelt sie auf den Riechkolben ein, am späteren Nachmittag hat mich dann doch glatt einer gefragt, ob ich Boxen war. Am Gaumen wieder anders, feine grapefruitige Frucht, sehr elegant, gar nicht so breit, wie die Nase es hätte vermuten lassen. Die Botrytis eher im Hintergrund. Obwohl, das ist dann auch wieder untertrieben, die steht schon in der Mitte des Geschehens, haut aber nicht alles andere nieder wie in der Nase. Tolle Fülle, die erst zum Abgang hin ein klein wenig „auslässt“, wie der Österreicher sagen würde, für den solche Weine aber sowieso zu schade sind. Unglaublicher Charme, wenn auch mit 59 Euro kein Schnäppchen mehr. 92 von 100 Willipunkten.
Nur einen Punkt weniger bekam der abschließende Altenberg Riesling aus 2002. Sehr gereifte, schon ein wenig angefirnte Nase, weniger Botrytis, auch nicht so tramineresk, auf die Dauer setzt sich dann wohl doch der Riesling durch. Am Gaumen schöne Reife, nicht so firnig, viel Apfel, noch ordentlich Spiel, doch schon eine Spur über den Höhepunkt hinweg. Gute Länge und auch im Abgang noch fein und verspielt. 91 von 100 Willipunkten.
Insgesamt ein, Du, Mensch, wieheißtet, überzeugendes Sortiment, das der weltweit wahrscheinlich beste Advokat für gemischte Sätze sein dürfte. Die besten waren fast so gut wie hochklassige pure Rieslinge und das will was heißen, wieheißtet?
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