Freitag, 30. Dezember 2016

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 31 - Andreas Caminada



"Jahaaa", dröhnte es mitten in der Altstadt von Jerusalem über meine Schulter. Und ich wusste, jetzt isses wieder so weit. Jetzt kommt wieder eine dieser Weisheiten. Wie nur er sie kann. Der Allroundexperte. So einen hat man in jeder Gruppe, die sich auf eine Stadtführung begibt. Leicht zu erkennen. Der Allroundexperte ist derjenige, der schon nach wenigen Minuten den Cityguide auf die Seite nimmt und beginnt, dem Guide dessen Stadt zu erklären. Warum es in jeder Gruppe immer nur einen davon gibt? Nie zwei oder drei? Keine Ahnung! Vielleicht hat es etwas mit der CSU und der Obergrenze zu tun? Dabei wäre es mit zweien entspannter, die können sich gegenseitig belehren. So dass der Guide Zeit für die Gruppe hätte.

Zu behaupten, dass ich sehr neugierig auf die nun drohende neue Weisheit gewesen wäre, wäre sicherlich übertrieben gewesen. Bisher hatten wir uns so etwa in der Preislage der Aussage bewegt: "Jahaaa, Keilschrift! Ich sag immer: Keilschrift! Die muss man beherrschen, wenn man mitreden will!". Etwa zwanzig Sentenzen dieser Größenordnung waren schon über die Gruppe hinweggeplätschert, jeweils mit einem kraftvollen "Jahaaa" eingeläutet. Ich musste irgendwie an diese unsinnigen Lebensmittelverordnungen denken, die vorschreiben, dass selbst auf Produkten wie Mineralwasser noch aufzudrucken ist, dass Spuren von Haselnüssen enthalten sein können. Und war mir sicher, dass auf den Allroundexperten übertragen, selbst die strengste Legislative nicht darauf bestehen würde, vor Spuren von Sinn in dessen Aussagen zu warnen.

Prompt wurde ich mit einem neuen Höhepunkt aus der Klischeekiste belohnt. "Jahaaa, der Palästinenser ist ja der Türke des Ägypters!" trompetete es mit Verschwörermine in die Richtung unseres jüdischen Guides. Der schlagfertig reagierte mit "Aber nur tagsüber, nachts ist es ja kälter als draußen." Na gut, vielleicht habe ich das auch nur hören wollen und hat er statt dessen etwas über den Felsendom erzählt, der Guide. Der Allroundexperte war jedenfalls mit mehr Sendungsbewusstsein ausgestattet als manche Radiostation. Einen Werbeslogan hatte ich schon im Kopf: "Das Dümmste der Achtziger und Neunziger und der größte Unsinn von heute." Der Mann schafft es wirklich, von allem so wenig zu verstehen, wie die Scheffin von Igelstacheln.

Aber das lässt sich mühelos noch steigern. Als es bei einer mittäglichen Pause Wein zum Essen gab und sich in der Gruppe eine Diskussion darüber entspann, welcher Tropfen denn am besten zur Sesampaste zu trinken wäre, sägte es wieder quer an meinem Trommelfell vorbei: "Jahaaa, Piemont! Piemont geht immer! Aber Vorsicht! Den Dolcetto, den trinkt man ja nuuuur zum Essen. Den Barolo und den Barbaresco dagegen, die darf man niiiie zum Essen trinken, die trinkt man nur so, ohne Begleitung." Seit dem "Kottrohn" des von Andreas Bürgel Anfang der Nuller Jahre so treffend beschriebenen selbsternannten Weinexperten ist größerer oenologischer Unsinn nicht mehr abgesondert worden - oder zumindest nicht von Weingeschwätz-Historikern belegt worden. Auch deswegen entgegnete ich mit unschuldigem Augenaufschlag: "Aber der Dolcetto ist doch der Traminer des Weißburgunders, oder?" Pause, Kopfschütteln, Nachdenken, wieder Pause. Und Kehrtwendung zu einem neuen Thema: "Jahaaa, und überhaupt, man isst ja in diesen einfachen Lokalen viel besser als in der Sterneküche. Bei Caminada in der Schweiz zum Beispiel, da war ich mal, da kriegt man winzige Portionen und das ist ja alles viel zu übertrieben."

Jahaaa, da wusste ich, zum Caminada musst Du hin, viel besser kann man wahrscheinlich nicht kochen als der, wenn der Antikompass so massiv abrät!

Also klemmte ich mir zurück in Mitteleuropa flugs die beste Igelin von allen unter den Arm, warf den Motor der bayerischen Hochtechnologie an und steuerte zielstrebig in Richtung der Burg Schauenstein in Fürstenau bei Thusis. Ein wenig wunderte ich mich schon, dass die Straßenschilder nicht in Keilschrift gehalten waren, aber lassen wir das! Konzentration auf das Wesentliche, die viel zu kleinen Portionen.