Freitag, 10. Juni 2016

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 27 "Le Pré Catalan"



"Lass Dich umarmen", rief mir der Mann vom Nebentisch unvermittelt zu. "Häh?" dachte ich nur. Dann klärte sich das. Der Herr hatte mitbekommen, dass ich dem Maître des Pre Catelan gesagt hatte, ich sei Deutscher. Nun werden Deutsche ja selten ihrer Nationalität wegen umarmt, aber dieser Franzose war armenischer Abstammung, das raunte er freudestrahlend herüber, und es war der Tag der Bundestagsresolution zum türkischen Völkermord an den Armeniern. Aus der Sicht des Herrn am Nachbartisch hatten unsere Abgeordneten alles richtig gemacht und zum Dank hatte ich keine zwei Minuten später ein Glas 2008er Gimmonet vor mir stehen.

Das war der Moment, in dem der Putzlumpen das Lokal betrat. Der Putzlumpen, tja, das war einer, so um die 60 Jahre alt, in ein Jackett gewandet, in dem unterschiedliche, jedoch gleichermaßen häßliche Brauntöne um die optische Lufthoheit kämpften. Was per se schon gruselig genug anzuschauen war. Durch die Textur des Textils, so irgendwo zwischen Aufnehmer und Fußabtreter gewann die Sache aber durchaus noch einmal an Schrecken hinzu. Der Putzlumpen befand sich in Begleitung einer maximal Zwanzigjährigen. Im eleganten Abendkleid, das komplett mit Pailletten besetzt war. Wobei "komplett" das klingt jetzt nach Unmengen, doch war da gar nicht sooo viel zu verpaillettierender Stoff, als dass die Paillettenindustrie an der Herstellung der Textilie hätte maßgeblichen Aufschwung nehmen können.

Nun ja, Länder, Völker, Vorurteile, das waren Bilderbuchrussen, beschloss ich für mich. Und sah mich bestätigt, als die beiden am Nachbartisch Platz nahmen und in russischer Sprache das Menü zu diskutieren begannen. Dann fragte der Putzlumpen doch glatt den Sommelier, ob noch von dem 1982er Figeac im Keller sei, den er beim letzten Mal gehabt hatte. Der sei doch ganz annehmbar gewesen. Wie bitte? Der Mann kann doch nicht so angezogen sein und dann etwas vom Wein verstehen? Wenigstens ein Vorurteil widerlegt? Nein, keine Sorge! Denn nachdem der Sommelier verlauten lassen hatte, der Figeac sei leider aus, fragte der Putzlumpen als nächstes, ob er statt dessen den Petrus nehmen solle. Allerdings nur, falls das ein Rotwein sei, Weißen möge er nicht. Ja, doch, das sei schon ein Roter, meinte der Sommelier ungerührt, doch empfehle er zum ausgewählten Menü eher den Gazin. "Welchen der beiden Jahrgänge denn? wollte der Putzlumpen wissen, "welcher ist besser, 2005 oder 2007?". "2007 ist derzeit sehr schön", lächelte der Sommelier, "und kostet ja auch nicht mehr als 2005". Deal!

Mittwoch, 1. Juni 2016

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 26 "Lameloise"




Der Gysi hat angefangen. Rülpste der doch schon vor dem Parteitag seiner Linken in die Mikrophone, es gehe nicht an, dass die AfD der Linkspartei die Wähler wegnehme: „Wir können doch nicht zulassen, dass die Armen, Ausgegrenzten und Frustrierten jetzt die Rechten wählen.“ Wobei er in der Aufzählung glatt noch die Asozialen und die Zuschauer von RTL 2 vergessen hat – obwohl das nun eigentlich wieder dasselbe ist. Jedenfalls tritt der Gysi plötzlich auf, als wären die Stimmen all dieser Zielgruppen Privateigentum der Linken. Die ja per se gegen Privateigentum ist. Insofern kann man die Linken vielleicht mit dem Argument trösten, die Stimmen der Asis würden jetzt einfach vergesellschaftet?

Ist schon bitter, da erzählt man als Linker den Verlierern im Osten über Jahrzehnte, sie seien gar nicht selbst für ihr Loserdasein verantwortlich, die Schuld habe der Turbokapitalismus und der Westen, der alles platt gemacht habe, und die unfähige Bundesregierung und überhaupt. Und dann kommt einfach eine AfD aus der Kanalisation hochgekrochen, eignet sich die mühsam gestrickte Legende an und setzt noch eine Ausbaustufe drauf, nur leicht moduliert, indem man der Liste der exogenen Faktoren für das Elend der Neufünflandianer einfach noch die im Osten bekanntermaßen gar nicht vorhandenen Ausländer hinzufügt. Tja, liebe Linkspartei, habt Ihr einfach nur vergessen, Euch auf die eine oder andere Hetzparole ein Copyright eintragen zu lassen? Oder habt Ihr das sogar und ist die AfD eine Art Raubkopie? Halt keine Schwarzpressung, sondern eher eine Braunpressung? Oder stimmt dann doch, was der Stoiber schon vor Jahrzehnten in eine Fernsehkamera gestammelt hatte, dass nämlich auch die Nationalsozialisten in erster Linie Sozialisten seien? Historisch wäre das zumindest für das dritte Reich wenig belegbar, wo die Nazis ja die gesamte Linke bis hin zu den Sozialdemokraten bitter bekämpft haben. Andererseits kämpfen die Lafontaines und Ramelows manchmal auch mehr gegen die SPD als gegen die AfD, insofern passts fast wieder. Aktuell kann man ohnehin sagen, dass sich die Erfolgsrezepte der Linken und der AfD im Osten schon gewaltig ähneln, auch wenn die AfD dem allgemeinen Schatzkästlein der landsmannschaftlichen Götter- und Heldensagen des Ostens als zusätzliche Würze gerne noch eine dicke Messerspitze Menschenverachtung beimischt. Im Osten ziehts, zumal, das hat der Stoiber 2002 ausnahmsweise mal zutreffend in die Welt gestottert, die wesentlich klügeren Bevölkerungsteile ja im Süden wohnen, in Bayern.


Aber zurück zum Gysi! Lieber Gregor, wenns so ist und die AfD Deinen Laden nur kopiert, warum imitiert Ihr dann jetzt umgekehrt die AfD? Denn die Kiste mit der Torte ins Gesicht der Parteiführung, die hat ja nun ganz eindeutig die AfD erfunden. Ist ein probates Mittel, um eine bessere Mediencoverage der ansonsten eher langweiligen Parteitage herbeizuführen. Aber nachdem die Störchin ihre Braunwälder Kirschtorte erst vor wenigen Wochen auf den Schnabel bekommen hatte, so kurz danach die Wagenknecht ebenfalls mit Süßkram bewerfen zu lassen, das ist doch phantasielos. Als nächstes kommt Ihr von der Linken noch um die Ecke und erzählt, die Merkel sei zwar als Kanzlerin durchaus angesehen, aber als Nachbarin wolle die trotzdem keiner haben.

Der Igel zieht die Konsequenz und sucht sich aus gegebenem Anlass sicherheitshalber lieber gleich einen Nachbarn, von dem er sich gerne mit Süßkram bombardieren lassen würde. Also bin ich neben dem "Lameloise" eingezogen. Das heißt nur noch so, nach dem langjährigen Inhaber und Chefkoch, in Wahrheit steht da längst Eric Pras am Piano. Aus dessen Küche kommen zuverlässig mit die besten Desserts der französischen Spitzengastronomie. Und wenn ich mir die schon servieren lasse, dann nehme ich vorweg gerne auch noch den Rest des Menüs, man gönnt sich ja sonst nichts. Aber der Reihe nach! Ich fang mal vorne an, gaaanz vorne, also nicht bei den Amuses, sondern historisch: