Donnerstag, 15. August 2013

Willis Hausbesuche Heute: Leon Beyer




Weh-Weh-Weh Willis Hausbesuche


Heute: Leon Beyer

Früher wars ja so, dass man sich auf dem Gang zum Briefkasten freute. Klar, im randvollen Kasten lag zwischen den Briefen von Freunden und den Zeitungen, die man so im Abo hatte, immer wieder auch mal die eine oder andere Rechnung, gelegentlich auch mal Post von der Stadt, die wieder einmal fand, dass man anderswo hätte parken, die Parkuhr bedienen oder langsamer hätte fahren sollen. Aber so im Schnitt, da war der Inhalt des Postkastens, dann doch eher von der erbaulichen Sorte – denn für jeden Bettelbrief des Ordnungsamtes waren mindestens vier, fünf Liebesbriefe von rattenscharfen Igelinnen im Angebot. Ja, den Kasten streichelte man, wenn man nach Hause kam, man lobte ihn („feiiiin“) für seine Arbeit und für seinen Inhalt, fast wie einen Koch für das zubereitete Gericht. Auch wenns natürlich Unsinn war, weil der Kasten ja nichts auf demselben haben musste, um zu einem intellektuell schmackhaften Inhalt zu kommen. Da waren eher die Briefeschreiberinnen und der Postzusteller verantwortlich zu machen. Dennoch, der Akt des Aufbewahrens und Ausspuckens dieser schönen Post wollte ja auch gewürdigt werden.
Das war früher. Heute ist der alte Kamerad an der Haustür ganz schön abgemagert. Er wirkt mürrisch. Liegt auch an mir, so richtig loben mag ich ihn nicht mehr. Statt des Dutzends von Sendungen, die früher täglich drin waren, kommt nur noch alle paar Tage etwas. Der Postkasten lebt praktisch Diät. Steht ihm nicht gut. Außerdem landet das Angenehme, also die Fanpost und die Liebesbriefe, praktisch komplett als Elektrokorrespondenz in der Mailbox, Papierbriefe schreibt kaum noch einer und die meisten Zeitschriften liest man auch eher tagesaktuell online. So dass der Briefkasten nichts anderes mehr birgt als Rechnungen und diese Zahlungsaufforderungen der Stadt. Davon bekäme er Verdauungsbeschwerden, meinte er neulich erst, das sei alles Ausschuss – und dann diese ständigen Diäten, er fühle sich schon wie ein Abgeordneter.
Ich habe ihm daraufhin versprochen, dass es künftig wieder mehr zu futtern geben werde. Und den Vorsatz habe ich umgesetzt, denn seit einigen Monaten läuft da bei mir ein etwas größer angelegter Tierversuch mit den Ordnungsbehörden von Stadt und Land. Ich will mal testen, wie oft die mir in der Auseinandersetzung über einen ziemlich lächerlichen Verkehrsverstoß antworten, ohne dass mir zusätzliche Kosten entstehen. Dem Postkasten gefällts, denn er weiß, dass ich mich über die Schriebe der Ordnungsbehörden, die auf meine bewusst dämlichen bis impertinenten Briefe ebenso unermüdlich wie bürokratisch antworten, immer mehr freue – und dass es mich abgesehen vom Porto keinen müden Cent kostet, mich mit den Behörden zu streiten.
Auslöser war wie gesagt ein eher harmloses Ding. Ich sei zu schnell gefahren hieß es. Und ich hätte auf die schriftliche Verwarnung der Polizei hin nicht bezahlt. Also werde das angebotene Verwarngeld von 20 Euro jetzt zum Bußgeld und kämen Verwaltungskosten in gleicher Höhe hinzu. Na sowas! Ich hatte doch gezahlt. Gut, ich hatte das Aktenzeichen zur Sicherheit nicht angegeben, ein wenig will man die Kameraden ja auch beschäftigt halten. Und ich hatte in den Verwendungszweck der Überweisung geschrieben, ich protestierte gegen die Abzocke. Da haben die das Geld doch glatt zurück überwiesen. Es sei keinem konkreten Verstoß zuzuordnen. Klar, kann ich mir vorstellen, wo es doch so viele Strafzettel gibt, die reine Abzocke sind. Aber immerhin, mein guter Willi Wille war da.
Was macht man in so einer Situation? Zahlen muss man am Ende, das ist klar. Aber meinen Spaß will ich ja auch haben… Also schreibe ich erst einmal, ich hätte doch bezahlt, und schicke eine Kopie der Überweisung mit. Erwartungsgemäß kam die Antwort, man hätte nicht zuordnen können und habe deswegen zurücküberwiesen, das hätte mir doch auffallen müssen. Nö, habe ich mal geantwortet, wie hätte ich die Überweisung der Stadt denn diesem konkreten Verstoß zuordnen sollen, wenn die Stadt selbst das mit meiner Überweisung auch nicht gekonnt habe. Angesichts der Vielzahl der Strafmandate, die sich im Laufe eines Monats so ansammelten, sei das für mich nicht so einfach. Ja gut, schrieben sie mir wieder, jedenfalls müsse ich noch einmal zahlen. Klar, antwortete ich, doch natürlich keine Gebühren, die ja durch die Unfähigkeit der Stadt zur Zuordnung überhaupt erst angefallen seien. Zumal in der Verwarnung auch nicht gestanden hätte, dass man das Aktenzeichen habe angeben müssen. Und außerdem wolle ich wissen, warum dort überhaupt eine Geschwindigkeitsbegrenzung sei, die hielte ich nämlich für unangemessen.
Doch, zahlen müsse ich, kam gleich die Antwort, auch die Gebühren. Und für die Geschwindigkeitsbegrenzung sei man nicht zuständig, das verantworte die Bezirksregierung. Was das denn für ein Rechtsverständnis sei, habe ich gefragt, wenn eine Behörde einfach Inkasso für eine andere Behörde mache, ohne die Rechtsakte, deren Brechen das Inkasso überhaupt erst erlaube, zu hinterfragen, zu prüfen oder zumindest zu verstehen. Vor diesem Hintergrund müsse ich dann doch Dienstaufsichtsbeschwerde erheben, gegen Beamte, die so unreflektiert arbeiteten. Und noch dazu so wenig kundenfreundlich, dass sie nicht einmal in der Lage seien, Zahlungen Verkehrsverstößen zuzuordnen. Die Beschwerde wurde zurückgewiesen, wogegen ich natürlich mit neuen, interessanten Argumenten protestiert habe.

Samstag, 10. August 2013

Willis Hausbesuche Heute: Marcel Deiss




Weh-Weh-Weh Willis Hausbesuche

Heute: Marcel Deiss

Wenn das keine Adventszeit für die Sozialspannermedien ist. Wochenlange, ach was, gefühlt monatelange, wenn nicht jahrelange Berichterstattung darüber, wann die Frau Middleton endlich den Windsorknoten im Muttermund lösen und sich den royalen Braten aus der buckinghamschen Röhre schrauben werde. Obs gar einen Kaiserschnitt geben könne, wurde gemutmaßt. Was ein Unsinn, der Ableger wird mit der Geburt nicht Kaiser, der wird erst einmal nur Prinz. Und König wahrscheinlich erst nach dem Ableben der Urgroßmutter und der nachfolgenden Generationen, irgendwann um 2150 herum. Kaiser aber nie. Denn den gibt’s nur in Deutschland und dafür muss man Fußballer sein.
Weiß sowieso keiner, warum das alles wichtig sein soll. Was leisten die Royals schon – außer in Naziuniformen zu Partys oder an Tunnelpfeilern zugrunde zu gehen? Nein, hier geht es um etwas ganz anderes. Die Yellow Press versucht immer wieder – und das gar nicht so unerfolgreich – Lady Di und Lady Gaga und andere intellektuelle Flachbildschirme so geschickt zu Identifikationsfiguren hoch zu stilisieren, dass diese Prominenten als Projektionsflächen für Durchschnittsversager nutzbar werden. Wenn das eigene Leben schon nichts zu bieten hat, dann muss man sich eben mit dem Leben Dritter befassen, sei es als Blockwart, sei es als Fan. Dem Adelspack sei die daraus resultierende nervtötende Vollzeitbelagerung durch die Mediennutten übrigens durchaus von Herzen gegönnt, schließlich verzehren die Von und Zus in der Regel steuerfinanzierte Apanagen bzw. das aus solchen Apanagen zusammenschmarotzte „Privat“vermögen. Da darf als kleine Entschädigung der Dauerauftritt als Pausenclown in den traurigen Existenzen von Buntelesern schon gefordert werden.
Das Schlimme ist nur, dass auch die öffentlich-verächtlichen Sender es offenbar als Teil des Grundversorgungsauftrags verstehen, uns über den Fortgang der royalen Presswehen unterrichtet zu halten. Wer dem entgehen wollte, hatte nur noch eine audiovisuelle Zuflucht, Eurosport. Da lief zwar auch nur Frauenfußball, aber normalerweise gebären die wenigstens nicht mitten im Spiel im Mittelkreis…
Einige Leichtgläubige waren nun tatsächlich der Meinung, die nervtötende Beballerung mit Nachrichten vom Windsor-Winzling könne mit dessen Entlassung aus der Gebärmutter der Herzogin von Cambridge abgeschlossen sein. Weit gefehlt, nun geht es in die zweite Runde. Das erste Foto muss gezeigt, die Hebamme interviewt und natürlich tagelang darüber spekuliert werden, welchen Vornamen der neueste Zuwachs des Insel-Adelsgeschmeiß wohl tragen könne. Und da wird’s interessant! Ach was, nein, interessant ist natürlich nichts von dem, was sich bei den Nichtsnutzen von Buckingham abspielt. Aber, sagen wir, es gab ein Zusammentreffen von Ereignissen, dessen Zufälligkeit ich zunächst einmal bestreiten möchte. In einer kleinen Unterbrechung der royalen Uterusbelagerung sendete die ARD doch tatsächlich den Film „George“. In dem sich Götz George wieder einmal vergeblich bemühte, etwas anderes als sich selbst darzustellen, diesmal seinen Vater Heinrich. Der gute Götz kann aber leider nur den einen Tonfall, nur die eine Sprechmelodie. So war dann auch der Heinrich George im ARD-Film nicht George, sondern Götz, also eine Art Weimar-Schimanski. Aber, und darauf will ich eigentlich hinaus, mitten in dem Film schalte ich in den Videotext und sehe da: „Windsorbaby wird ein George“. Wie ist das denn jetzt zu verstehen? Soll der Götz auch den kleinen Prinzen spielen? So dass die Inselaffen eine Art Miniaturschimanski als drittnächsten König kriegen, mit glucksendem Lachen, stammelnder Nuschelsprechweise und mantafahreresker Rotzbremse unter dem royalen Gesichtserker? Man stelle sich die erste Regierungserklärung vor: „Nee, Du, Mensch, das ist doch, das ist doch (glucksendes Lachen), das kann doch nicht, kann doch nicht, also, Du, Mensch, nee, also Scheiße!“ Ganz ehrlich, den Goldblattlesern und Galakonsumenten würde ich es schon gönnen.
Hmm, tja, nun weiß ich gar nicht, ob ich in dieser angespannten Mediensituation überhaupt über den dritten Weingutsbesuch der Gierschlünde im Elsass berichten darf, zumal da garantiert keine britischen Säuglinge drin vorkommen. Immerhin ging es aber zu einem der Blaublüter der elsässischen Weinszene. Weinadel also, vielleicht wird der Scheff das gelten lassen und den Beitrag auf seinen Blogg durchwinken. Weineinkauf ist ja auch Grundversorgung, also bin ich da fast im öffentlich-rechtlichen Bereich unterwegs.
Wir waren diesmal bei den Deissens. Das sind die Typen mit dem gemischten Satz. Nicht wie bei Georges Götz, dass viele „Mensch“ und „Du“ in die ansonsten architektonisch sauber aufgerissene grammatikalische Satzarchitektur zuwanderten. Auch nicht wie bei den Geissens, denen immer wieder mal ein „wieheißtet?“ in die ansonsten klare Folge von Subjekt, Prädikatswein und Sexobjekt rutscht. Bei den Deissens geht es vielmehr, Du, Mensch, wieheißtet, um das gemischte Setzen von Rebsorten im Weinberg. Riesling neben Grauburgunder, neben Weißburgunder, neben Auxerrois. Diese „complantation“ führt dann, so behaupten es jedenfalls die Deissens, dazu, dass die unterschiedlichen Sorten gegen alle Gewohnheit gleichzeitig reif werden. So dass es kaum mehr Lesedurchgänge als bei der Normalbestockung braucht. Natürlich kann man diesen Effekt auch noch fördern, etwa indem man frühreifere Rieslingklone und spätreifende Pinots pflanzt. Aber auch unabhängig davon, so erklärte man uns vor Ort, entwickle sich zwischen den Reben eine Beziehung, die für harmonische Reifeprozesse im Gleichschritt sorge. Klingt esoterisch, scheint aber ganz gut zu funktionieren, denn was ins Glas kam, war sehr überzeugend.
Allerdings fingen wir mit einem reinsortigen Tropfen an, dem Gutsriesling aus 2011. Eher verhaltene aber klassische Rieslingnase, zitrusfruchtig, etwas Pfirsich, Ananas, verhältnismäßig schlank aber klar und ansprechend. Am Gaumen ein schöner Trinkriesling, relativ niedriger Restzucker, sehr trockene Prägung, dabei wunderbar elegant und balanciert. Viel Pfirsich, mittelkräftige Substanz mit Tiefe und vor allem guter Länge. Im Abgang legt er eher noch zu und zeigt sich noch etwas voller als am Gaumen. 86 von 100 Willipunkten.
Dann der gemischte Satz aus dem Langenberg, einem granitiger Weinberg in voller Südexposition, etwas oberhalb von Ste.-Hippolyte. In den Jahrgang 2009 haben Riesling, Pinot Gris, Beurot, Muscat d´Alsace und Pinot Noir Eingang gefunden. Entsprechend mächtig und opulent duftet er, reife Apfelsine, kräutrige Würztöne, auch noch ein wenig wachsig, das kann noch eine ganze Weile reifen und zulegen, obwohl schon heute eine Macht. Am Gaumen stark auf der Kräuterseite, dazu bringt er eine kühle, holundrige Frucht hervor, zitronige Säure und einen zarten mineralischen Anklang. Schöne Fülle, die sich im Abgang allerdings etwas zu schnell verschlankt! Auch eine Spur alkoholisch. Organoleptisch bewegen wir uns hier im oberen Trocken, eine Spur elsässische Süße bringt der Langenberg schon mit, aber nicht zuviel. 87 von 100 Willipunkten.
Weiter ging es mit dem 2010er Engelgarten, komponiert aus Riesling, Pinot Gris, Beurot, Muscat d´Alsace und Pinot Noir. Der Engelgarten liegt mitten in Bergheim, ist nach Osten ausgerichtet, mit sehr kiesigem, kargem Boden, der die Reben dazu bringt, besonders tief zu wurzeln. Auch dieser Wein bringt die volle, opulente Nase mit, wie sie für complantations so typisch ist, etwas duftiger als der Langenberg, eher mit floralen Tönen, Blütenduft unterwegs als fruchtbetont. Am Gaumen wirkt er sehr rieslingartig, säurebetont, elegant, verspielt, bei weitem nicht so druckvoll und vielschichtig wie die Nase es verheißen hatte. Allerdings reifen die 2010er sehr langsam, da dürfte sich also voraussichtlich noch ein deutlich breiteres Spektrum an Aromen entwickeln. Schon im Glas ließ sich das ahnen, als nach einigen Minuten stärkere mineralische Komponenten schmeckbar wurden, an erster Stelle die feuersteinigen Töne, die für den Engelgarten typisch sind. Die Säure entspricht der Typizität des Jahrgangs 2010, mit anderen Worten, sie ist ausgesprochen kräftig. Im Elsass funktioniert das aber ganz generell und speziell auch bei Deiss besser als es in den meisten Anbaugebieten Deutschlands funktioniert hat. Das warme Klima im Schlagschatten der Vogesen hat der Säure entsprechende Extrakte gegenüber gestellt. Und weil die Säurewerte sonst am Oberrhein gerne mal etwas zu niedrig insbesondere für langlebige Rieslinge ausfallen, liegen sie in diesem Säurejahr eigentlich nur in den Bereichen, wie sie die Mosel in fast jedem Jahr aufweist. So hat der Engelgarten jede Menge Reifepotenzial und bekommt 87+ von 100 Willipunkten.
Vor allem aus Riesling und Pinot Gris setzte sich der vierte Wein der Probe zusammen, ein Rotenberg 2007. Gewachsen auf rotem Kalkstein und mit 30 bis 35 Gramm Restzucker ausgebaut. Das merkte man in der Nase sofort, die sogar einen leicht botrytischen Einschlag mitbrachte, ansonsten ein vor allem blumig-florales Gesicht zeigte, sehr voll und mit viel Charme unterwegs. Am Gaumen, klar, da ließ sich nicht wegdiskutieren, dass wir uns im oberen Halbtrocken bewegten. Was nicht so ganz harmonisch wirkt, wenn man wie dieser Wein vor allem auf der breiten, öligen Schiene des Grauburgunders unterwegs ist. Auch schien mir die Botrytis die Trinkigkeit etwas zu hemmen. Dennoch, das ist alles andere als schlecht! Melonige Frucht, großzügige Anlage, auch ein Hauch Kräuter ist dabei und eine kühle Mineralik im Untergeschoss, die allerdings von der Süße etwas zu sehr verkleistert wird. Irgendwie hinterlässt mich dieser Wein zwiespältig, den hätte ich gerne mal mit einem Restzucker in halber Höhe probiert. Dennoch auch hier 87 von 100 Willipunkten. Aber ohne Pluszeichen dahinter.
Es folgte der Schoffweg aus 2009, vor allem aus Riesling und Pinotsorten gekeltert, auf kalkigen Böden gewachsen und ein Jahr in burgundischer Eiche im kleinen Fass ausgebaut. Mit 10 Gramm Restzucker unterwegs. Eher schlanke, rieslingbetonte Nase, dazu etwas Bergamotte, insgesamt nicht sonderlich ausdrucksstark im Riechkolben. Am Gaumen dominiert der Alkohol zunächst recht deutlich. Es sind 14 Prozent zu verdauen, das schafft der Schoffweg nicht wirklich richtig gut. Dann kommen aber schöne Kräutertöne, wieder die Bergamotte. Viel Stoff, sehr mundfüllend, bis hin zur Gewalttätigkeit, das wird fast anstrengend. Gerade rechtzeitig kommt dann die Mineralität des Weges und lockert das Aromenbild wieder auf, macht zwei, drei verschnörkelte Ornamente dran und bietet Abwechslung. Hinten heraus durchaus druckvoll, geschmacklich aber verschwimmend. 86 von 100 Willipunkten.
Zu gleichen Teilen aus Riesling, Pinot Noir und Gewurztraminer setzte sich der nächste Wein zusammen, der Gruenspiel 2008, gekeltert aus einem Weinberg an der Straße zwischen Bergheim und Ribeauvillé, etwas oberhalb des Anwesens von André Kientzler. Kalkige Böden mit Schiefer und etwas Ton durchsetzt. In der Nase bringt der Gruenspiel erst einmal frischen, feuchten Tabak an den Start, dazu eine getrocknete Aprikose, Dörrpflaume, ja, man kann ganz allgemein sagen, confitierte und getrocknete Früchte. Mit mehr Luft entwickelt sich außerdem eine leicht kalkige Mineralität. Die schlägt auch als erstes am Gaumen an, mit ordentlich Wumms, da kehren sich die Kräfteverhältnisse aus der Nase einen Moment lang um. Ein Powerwein! Dann treten die Dörrfrüchte hinzu, den Gewürztraminer, den ich eigentlich im Verdacht hatte, dass er die anderen Reben dominieren, im wahrsten Sinne des Wortes einseifen würde, merkt man kaum, der steht dezent am Rande des Spielfelds und wirft immer wieder mal ein paar Rosenblätter auf die Zungenspitze. Die Säure des Rieslings fängt das aber gut auf, zumal der Riesling auch noch einen feinen, frischen Weinbergspfirsich in den Rosengarten stellt. Auch der Pinot bringt zusätzliche Frucht ins Spiel, insgesamt bringt das eine sehr gelungene Cuvée zusammen, die voll und lang am Gaumen steht. 88+ von 100 Willipunkten.
Was so alles an Rebsorten seinen Weg in den 2008er Burg gefunden haben mag? Es war weder zu schmecken, noch rückten die Deissens mit Detailinformationen heraus. „Alle Rebsorten des Elsass“ seien drin – und da käme, sollte das stimmen, ja wirklich einiges zusammen. Entsprechend kräftig wirkt die Nase, eher auf der floralen Seite, durchaus burgundisch unterwegs, wenngleich leider etwas breitelnd. Am Gaumen kommt er dann deutlich feiner an, das überrascht positiv. Prägnanter Botrytiston, aber nicht erschlagend. Viel Stoff, schöne Balance von Süße und Säure. Die 50 Gramm Restzucker packt dieser Wein sehr gut weg, scheint sie fast zu brauchen, weil da auch ein Pfund Säure und jede Menge Extrakt mit im Spiel sind. Für seine Fülle wirkt er erstaunlich elegant. Und wunderbar lang ist er sowieso, mit prachtvollen Nuss/Rosinen-Tönen im Abgang. Ein Gedicht! 91 von 100 Willipunkten.
Der 2008er Huebuhl, der als nächstes an die Reihe kam, war dann fast wieder ein reinsortiger Tropfen, immerhin 95 Prozent Pinot Gris sind in der Flasche, dazu etwas Weißburgunder und ein Spürchen weißgepresster Pinot Noir. Der Huebuhl, so wurde uns erläutert, sei eigentlich keine Lage, dafür seien Böden und Expositionen zu heterogen, die eigene Lagenbezeichnung rechtfertige sich eher durch das einheitliche Mikroklima, das in einer besonders geschützen Mulde außergewöhnlich hohe Temperaturen verzeichne. Der 2008er habe ordentlich Botrytis abbekommen, was ihm immerhin 65 Gramm Restzucker eingebracht habe.
Ja, die lässt sich tatsächlich ohne weiteres herausschnuppern, die Botrytis. Leider hat sie auch ein sauterneskes Lösungmitteltönchen im Gepäck. Aber ich will nicht meckern, das ist nur eine Fußnote, die sich mit Luft auch schnell verflüchtigt. Ansonsten wirkt die Nase außerordentlich kräftig und voll. Am Gaumen dominieren zwei Elemente, die Botrytis und das Aromenspektrum des Grauburgunders, der hier eine leicht eingelegte/getrocknete Orange in den Vordergrund schiebt. Was ein Pfund Wein, das ist richtig kräftig, schön dicht, tiefgründig. Süße und Säure sind perfekt balanciert, die Botrytis stiehlt dem Rest des Weines nicht die Schau, das bleibt sehr lang und dabei ungemein voll. Toller Wein! Sage ich als jemand, der kein Mitglied des eingetragenen Vereins der Grauburgunderfreunde ist. 93 von 100 Willipunkten.
Den Mambourg 2009 übergehe ich hier lieber, der wird in neue Barriques gefüllt und schmeckt und riecht einfach nur nach zuviel Holz. Wenn schon Holz, dann bitte besser dosieren. So ists ein Weinfehler.
Also weiter zum 2009er Schoenenbourg. Der mir schon deswegen sehr entgegenkommt, weil er zu 95 Prozent aus der einzig wahren weißen Rebsorte besteht, dem Riesling! Botrytis hat auch an Bord, vor allem in der Nase, da ist das ein ganzer Bienenstock voll Honig, dazu mandelige Noten und ein Korb Dörrobst. Ja, ich will es nicht verheimlichen, auch hier habe ich das sauterneske Haucherl Lösungsmittel gefunden, aber nur weil ich danach gesucht habe. Und dann verlor es sich auch gleich wieder, mit Luft geht das weg. Und am Gaumen, Überraschung, da spielt die Botrytis gar keine so große Rolle, da zeigt sich der Schoenenbourg richtig elegant, eher floral, mit Lindenblüten, auch etwas studentenfuttriger Nuss. Das Ganze fein, verspielt, wunderbar balanciert. Man könnte ihn ohne Weiteres für leichter halten als er ist, aber am langen und tiefgründigen Abgang spätestens wird jeder merken, was für ein wuchtiger Wein das in Wahrheit ist. Riesenpotenzial, wenngleich man ja bei Botrytis nie so genau weiß, wohin sich das entwickelt. Insofern würde und werde ich bald mal drangehen. Denn der wanderte natürlich in den Kofferraum, mitsamt seinen 93+ von 100 Willipunkten. 59 Euro die Flasche, nicht geschenkt, aber auch nicht überteuert.
Wieder aus 2008 dann der Altenberg Grand Cru. Den dominiert rechnerisch der Pinot Noir, der rund die Hälfte der complantation umfasst, dazu gesellen sich zu etwa gleichen Teilen Riesling und Gewürztraminer. Kalksteiniger Boden, beste Südexposition, dennoch war der Altenberg bis 2004 kein Grand Cru, auch weil man vom Großen Gewächs erwartet, dass dort kein Mischsatz draufgestellt wird, sonst wäre es technisch ein Edelzwicker Grand Cru und das geht ja nun wirklich nicht. Erst 2004 hatte man dann mit Blick auf die hohe Qualität dieses Weines ein Einsehen und erlaubte die Bezeichnung als Großes Gewächs.
Dass dieser Altenberg nur ein Viertel Gewürztraminer beinhaltet, na, ich wäre nicht darauf gekommen. Die Nase besteht eigentlich nur aus Traminer und Botrytis – und von beidem nicht zu knapp. Wie mit einer Keule prügelt sie auf den Riechkolben ein, am späteren Nachmittag hat mich dann doch glatt einer gefragt, ob ich Boxen war. Am Gaumen wieder anders, feine grapefruitige Frucht, sehr elegant, gar nicht so breit, wie die Nase es hätte vermuten lassen. Die Botrytis eher im Hintergrund. Obwohl, das ist dann auch wieder untertrieben, die steht schon in der Mitte des Geschehens, haut aber nicht alles andere nieder wie in der Nase. Tolle Fülle, die erst zum Abgang hin ein klein wenig „auslässt“, wie der Österreicher sagen würde, für den solche Weine aber sowieso zu schade sind. Unglaublicher Charme, wenn auch mit 59 Euro kein Schnäppchen mehr. 92 von 100 Willipunkten.
Nur einen Punkt weniger bekam der abschließende Altenberg Riesling aus 2002. Sehr gereifte, schon ein wenig angefirnte Nase, weniger Botrytis, auch nicht so tramineresk, auf die Dauer setzt sich dann wohl doch der Riesling durch. Am Gaumen schöne Reife, nicht so firnig, viel Apfel, noch ordentlich Spiel, doch schon eine Spur über den Höhepunkt hinweg. Gute Länge und auch im Abgang noch fein und verspielt. 91 von 100 Willipunkten.
Insgesamt ein, Du, Mensch, wieheißtet, überzeugendes Sortiment, das der weltweit wahrscheinlich beste Advokat für gemischte Sätze sein dürfte. Die besten waren fast so gut wie hochklassige pure Rieslinge und das will was heißen, wieheißtet?

Donnerstag, 1. August 2013

Willis Hausbesuche Heute: Marc Kreydenweiss




Weh-Weh-Weh Willis Hausbesuche
Heute: Marc Kreydenweiss
Der Scheff lässt sich nicht lumpen, der ist ja nicht so. Meine zahllosen Geschäftsreisen im Dienste des Weines, die werden komplett aus seinen Edeka-Milliarden finanziert. Mit allem Zipp und Zapp. Da kennt er nichts, der Scheff. Da werden für meine Flüge in die besten Anbaugebiete der Welt sogar die Luftkorridore mit Parkett ausgelegt. Manchmal auch mit Perserteppichen, vor allem, wenn es nach Shiraz geht. Wenn ich Weinen mit viel Botrytis nachspüre, leiht der Scheff mir auch schon mal seinen Rosinenbomber. Das nenne ich Fürsorge!
Wenn man so einen Scheff hat, da muss man Demut und Dankbarkeit an den Tag legen. Sich auch mal gnadenlos ranschmeißen! Nicht zu auffällig natürlich. Eher dezent. Etwa indem man der Frau vom Scheff kleine Aufmerksamkeiten zukommen lässt. Zum Beispiel wenn die Geburtstag hat. Hat sie nämlich auch in diesem Jahr wieder. Sie wird so an die 35, wenn man der Optik glauben darf.
Also habe ich auf meinem Trip mit den Gierschlünden nach einem geeigneten Geschenk für die Scheffin gesucht. Bei Kreydenweiss wirste fündig, habe ich mir gedacht. Der hat Künstleretiketten, die machen was her. Außerdem hat der Scheff den nicht im Sortiment, das hätte also wirklich Neuigkeitswert.
Aber kann der auch was, der Kreydenweiss? Habe ich lange nicht mehr probiert, auch weil der ziemlich unverschämt teuer geworden ist. Zumindest beim Mitbewerber vom Scheff in Saarwellingen. Der lässt sich das Zeug in Gold aufwiegen. Kreide(n)bleich im Gesicht bin ich geworden, als ich dessen letzte Preisliste gesehen habe.
Nun wärs die Scheffin mir natürlich wert, andererseits sehe ich ja nicht ein, dass ich den Saarwellinger dauernd mäste. Muss ich auch nicht. Vor Ort in Andlau gibt es die (Kreyden)Weißweine zum Glück deutlich günstiger.
Zum Beispiel den Pinot Blanc „Kritt“ aus 2011. Der hat eine satte Spontanvergärungsnase, dazu so etwas wie braune Butter, etwas irgendwie Toastiges, obwohl er nun wirklich kein neues Holz gesehen hat. Am Gaumen aber schön cremig, abwechslungsreiches Spiel von Süße und Säure, weil er zur traditionell eher knappen Elsässer Säure einen ähnlich geringen Restzuckerwert mitbringt, nur so um die 3 Gramm. Das steht ihm sehr gut, so wirkt er viel pikanter und strukturierter als die meisten elsässischen Landsleute selber Rebsorte. Das mag auch ein wenig mit dem vergleichsweise zurückhaltenden Alkohol von 12,5 Prozent zusammenhängen, der nur dann am Ende des Abgangs ein ganz klein wenig hervorsticht, wenn man sich intensivst drauf konzentriert, sich stechen zu lassen. Als Igel weiß ich, wovon ich da rede. Insgesamt überraschend gut und gehaltvoller, extraktreicher als viele unserer deutschen Weißburgunder. Das gibt 85 von 100 Willipunkten, reicht aber natürlich nicht für die Scheffin. Wenn ich da anfange, was von „weiß“ und „Burgunder“ zu reden, dann ist die unter Corton Charlemagne kaum zufrieden zu stellen.
Die ist ja aber sowieso eher von der Rieslingfraktion, die Scheffin. Und den hat der Kreydenweisse Marc zum Glück ebenfalls im Sortiment. Den Andlau Riesling 2011 gab es als erstes. Auch der eröffnete in der Nase wieder mit leichtem Spontiton, dann rochierte er aber auf einen floralen Einschlag, mit ein wenig Zitrusfrucht auf dem Damenflügel. Eher limonig als orangenfruchtig. Insgesamt von der leichteren, eleganteren Sorte. Am Gaumen pirscht er sich mit gerade einmal 2 Gramm Restzucker und einem entsprechend trockenem Stil an die Rezeptoren, dafür wirkt er zugleich erstaunlich cremig und überraschend nachhaltig. Zitronige Frucht und spontige Noten, da bleibt er seinem Nasenbild recht treu, insgesamt fein, leicht und elegant. Im Glas wird’s mit Luft noch eine Spur fruchtiger, opulenter, ohne aber wirklich füllig zu werden. Sogar eine Spur Mineralität wirft er im Abgang noch ans Zäpfchen! Gar nicht schlecht für einen Basisriesling. 86 von 100 Willipunkten. Allerdings, es bleibt ein Basisriesling. Und damit fällt er durch das Raster der Scheffinnentauglichkeit. Ist ja schließlich keine Basisscheffin, sondern eine Spitzenscheffin, um die es da geht.




Da muss man einen drauf setzen. Und das versuchte als erster der Clos du Val d´Eleon aus 2009. Aus einem der besseren Weinberge des Hauses gekeltert, auf Blauschiefer gewachsen und mit satten 14 Prozent Alkohol unterwegs. Allerdings kein purer Riesling, sondern hälftig aus Riesling und Grauburgunder zusammengeschraubt, die im Clos im gemischten Satz stehen. Und der gemischte Satz, den muss man können. Nicht jeder ist ein Deiss. Hier bekam ich einen bananigen Hauch in den Gewürzprüfer, das war alles andere als charmant. Zumal die Sache mit mehr Luft immer oxidativer wurde. Na gut, ich will mal ehrlich sein, daneben schälten sich noch eine Messerspitze Birne und eine kleine Lilienblütengirlande heraus. Aber das Oxidative erschlug diese kleinen Arabesken sofort wieder. Am Gaumen dominierte ebenfalls dieser Reifeton, das Oxidative, erst im Abgang kommt das Florale dann hinzu, auch ein Touch Rosine. Erstaunlich gut weggepuffert wird der Alkohol, gerade wenn man berücksichtigt, wie wenig Spiel und Ausdruck der Wein abseits dieser Reifetöne noch hat. Als 2009er erscheint er mir insgesamt ziemlich frühvergreist. 82 von 100 Willipunkten. Brauchen wir für die Scheffin natürlich nicht drüber zu diskutieren. Ein solches Geschenk wäre ja fast so etwas wie eine Kündigung. Allein schon der Verschnitt des geheiligten Rieslings mit dem grau(sig)en Burgunder, und dann diese Oxidationsnoten, nee, nee, so schnell kann ich mich gar nicht zwischen meinen Stacheln einrollen, wie ich da eine getafelt bekäme.
Also schnell die kreydenweisse Fahne gehisst und zurück zum reinsortigen Riesling. Da gab es noch den Clos Rebberg aus 2009 zu probieren. Ja, und, Sackzement, der zeigte auch schon wieder so einen oxidativen Ansatz. Liegts am Jahrgang? Oder am Ausbau im kreydenweissen Keller? Darf doch nicht sein! Immerhin gab es als kleine Zugabe noch einen schiefermineralischen Anklang. Aber der sollte mehr als Zugabe sein, der gehört ins Hauptprogramm. Leute, es geht um die Scheffin, da brauche ich kein Klein-Klein wie Podolski im Mittelfeld, da brauche ich einen Vollstrecker, einen Lewandowski. Am Gaumen gabs es dann, na ja, keinen Lewandowski, aber vielleicht wenigstens einen Gomez. So eine Föhnwelle von cremiger Fülle, auch etwas Kräutrigkeit im Anklang, dann aber natürlich die altbekannte Abschlussschwäche, denn da kam sie dann wieder, die spontige Oxistilistik. Wie geht denn das, einerseits noch mit den Gäraromen unterwegs und andererseits schon auf dem absteigenden Ast? Na gut, das Ganze schöner und feiner als beim Clos d´Eleon. Harmonischer und balanciert, ja, das kann man ihm zugutehalten. Aber es fehlt an Länge und an Konsequenz im Abgang und viel zu schnell übernimmt das Oxidative die Macht. 85 bis 86 von 100 Willipunkten. Kommt für die Scheffin nicht in Frage, die hat schließlich selbst auch keinerlei Alterston.
Also erhöhe ich auf Moenchberg. Eine der Toplagen des Gutes, ein Grand Cru, hier als Riesling angetreten und ebenfalls aus 2009 stammend. Im Moenchberg gibt es viel Sandstein, etwas Sediment und ein wenig Kalk, mal sehen, was das mit dem Riesling so macht…
Erst einmal gibt es ihm eine krass oxidierte Nase. Himmelherrgott, kann das denn sein, schon wieder? Alter Apfel, lange an der Luft gelegen. Na gut, dann gesellen sich Nuss und Rosine hinzu, das lässt ihn mehr in Richtung Sherry gehen. Besser als der Eleon, hat aber mit Riesling nichts zu tun. Außerdem, wo kommen diese Noten bloß her, bei einem Wein, der alles andere als botrytisch oder gar süß ist. Gerade einmal 4 Gramm Restzucker hat der Moenchberg. Poah, am Gaumen geht das so weiter. Oxidierter, karamellisierter Apfel, kräftig, ja, das schon, aber durch den eigenwilligen Ausbau ziemlich auf Sherry getrimmt. Wenn man Sherry mag, dann ist das ein prima Tropfen, der hat wunderbare nussige Aromen, feine Rosinen, das sehr lang und voll, gut gemacht. Nur Riesling dürfte man halt nicht draufschreiben. Als Riesling unter 80 von 100 Willipunkten, als Sherry um die 87 von 100. Wenn ich nur wüsste, ob die Scheffin Sherry mag! Außerdem steht Riesling drauf, am Ende denkt die noch, ich wolle sie veralbern. Geht schon wieder nicht, ich muss auf Nummer sicher gehen, bei der Scheffin. Ich suche weiter.



Nehmen wir mal den Kastelberg 2009. Natürlich wieder Riesling und wieder ein Grand Cru. Mineralischere Nase als der Moenchberg, Kunststück, das Zeug kommt auch vom rabenschwarzen Schiefer. Nicht wirklich oxidativ, aber schon sehr reif und mächtig wirkend. Vielleicht ist es auch den 70 Jahre alten Reben geschuldet, aus denen das Zeug gekeltert wurde. Gerade einmal 20 Hektoliter auf den Hektar, da wurde richtig selektioniert. Am Gaumen entsprechend konzentriert, fast ölig, doch mangelt es zunächst an Harmonie. Mit Luft wird das besser, zweifellos ein Wein, der sich erst noch sortieren muss und dem man mehr Zeit geben muss als es in der Probe auf dem Weingut möglich war. Aber auch hier ist ein leichter Touch von allzu früher Alterung drin, auch hier diese oxidative Komponente, eben keine Spontinote, sondern ganz offensichtlich ein etwas zu oxidativer Ausbau, der aus meiner Sicht dem Riesling nicht wirklich gut tut. Schwer zu bepunkten, mit mehr Luft traue ich ihm aber den Sprung auf bis zu 88 von 100 Willipunkten zu. Dennoch, kein verlässlicher Wert. Und damit zu riskant, als dass ich da für die Scheffin zugreifen wollte, denn auf die kann man sich blind verlassen, immer!
Zum Glück gibt es ja noch den Wiebelsberg. Ebenfalls Grand Cru, wieder 2009 – und selbstredend Riesling. Und, uff, endlich! Man riecht auch, dass es ein Riesling ist, Frucht vom Riesling; Aprikose, Pfirsich, etwas Orange; Blütenduft vom Riesling und Mineralik, wie sie ein guter Riesling bringt, obwohl die Böden hier eher sandsteinig sind und nicht so viel Mineralikpotenzial haben wie Schiefer. Ja, und das Zeug riecht auch nicht so alt wie Opa nach dem Krieg, sondern frisch, hat sogar noch einen leicht wachsigen Ton dabei. Es geht doch! Auch am Gaumen Rieslingvergnügen pur! Mineralisch, kräuterwürzig und wunderbar trocken ausgebaut. Süße und Säure harmonieren bestens miteinander, das Ganze rockt so lang, dass man in der Damenoberbekleidung nur noch von einem Maxi sprechen könnte. Nur drei Gramm Restzucker, aber auch nur drei Gramm Säure, das passt! Toller Abgang, tief und komplex. 90 bis 91 Willipunkte. Endlich die Neun vor dem Komma, das kann ich bei der Scheffin gerade mal so anbieten. Mission accomplished!
Der Scheffin einen wunderschönen Fünfunddreißigsten und viel Freude mit dem edlen Tropfen!